Montag, 8. Dezember 2014

Karten auf den Tisch: Moderne Helden

Hier bin ich also. Nachdem ich schon länger mit dem Gedanken gespielt habe, einen Blog aufzumachen, um genau die Dinge loszuwerden, die in meinem Kopf herumspuken, habe ich es tatsächlich irgendwie geschafft. Es ist länger her, dass ich einen Ort hatte, wo ich mich einfach ausschreiben konnte. Einen „richtigen“ Blog hatte ich schon mal vor Ewigkeiten (wenn man meine Aktivität auf Tumblr nicht zählt), und Tagebuch schreibe ich schon lange nicht mehr (tippen ist doch so viel einfacher!). Das ist jetzt mein Versuch, den ich ernst nehmen möchte, vielleicht wird sogar etwas daraus.

Und da möchte ich auch gleich an die Arbeit gehen!

Stoffe in der Literatur
Als Literaturwissenschaftlerin – na ja, ok, um mal bescheiden zu sein, sag ich einfach mal: Als Studentin der Literaturwissenschaft setze ich mich mit meinem Lieblingsthema auseinander: Geschichten. Dabei bin ich nicht festgelegt, das habe ich vor einer Weile festgestellt. Ich liebe nicht nur Bücher, ich liebe auch Lieder, Filme, Serien. Jedes Medium, das in irgendeiner Weise eine Geschichte vermittelt, Figuren präsentiert, in die man sich verlieben kann.
Ich liebe es vor allem, mich mit Stoffen auseinander zu setzen. Erst heute und auch letzte Woche Montag habe ich in einem Seminar mich mit Thematologie beschäftigt, und als wir über Stoffe geredet haben, kam mir sofort Mythologie in den Sinn. In der Regel zeichnet der literarische Stoff bestimmte Rahmenbedingungen aus: Konfigurationen von Personen, Handlungen und Problemstellungen. Vor allem die griechische Mythologie bietet ein weites Spektrum an Sagen, von Icarus bis Hades und Persephone, von Achilles bis Theseus, von Narziss bis Prometheus. Und Prometheus ist genau derjenige, mit dem ich mich bis nächste Woche beschäftigen muss, denn bis dahin muss ich Mary Shelleys „Frankenstein or the Modern Prometheus“ gelesen haben, das vielen sicher bekannt sein sollte. Die Geschichte von Victor Frankenstein ist auf den Stoff einer mythologischen Figur aufgebaut und ich darf mich auseinandersetzen, inwiefern das so ist (vielleicht berichte ich hier sogar von meinen Ergebnissen, wer weiß!).

Ein weiterer Stoff, mit dem ich mich hier auseinandersetzen möchte, und mit dem man sicherlich etwas anfangen kann, ist die Legende des Robin Hood. Im Spätmittelalter war er zentrale Figur verschiedener Balladen und Erzählungen: Der Held mit Pfeil und Bogen, der von den Reichen nimmt und es den Armen gibt. Markenzeichen: Eine grüne Kapuze. Wenn man sich den Robin Hood Stoff ansieht, stellt man fest, dass er mehrfach rezipiert worden ist. Von der Disney Verfilmung aus dem Jahr 1973, oder die Hollywoodverfilmung von Ridley Scott von 2010, behandeln direkt Robin Hood als Figur. Doch den eigentlichen Stoff kann man innerhalb verschiedenen Themen behandeln: Während die eigentliche Handlung sich im 13. Jahrhundert in England ansiedelt, haben wir auch andere Interpretationen sehen können. Ein Beispiel dafür wäre der Superheld „Green Arrow“ von Detective Comics. Oliver Queen als moderner Robin Hood, der als Rächer durch die Großstadt zieht – denn auch Oliver Queen führt seine Streifzüge mit Pfeil und Bogen und grüner Kapuze durch. Er rebelliert nicht gegen den englischen König, sondern gegen die korrupte Stadt Starling City, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Jedoch gab es Bogenschützen eigentlich seit immer: Pfeil und Bogen gehören zu den ältesten Waffen. Ein Wilhelm Tell ist nicht gleich ein Robin Hood. Von daher kann der Bogenschütze als Motiv des Stoffes von Robin Hood gelten, auch wenn sie für den Grundgedanken eines Robin Hood nicht unbedingt notwendig sind. Eine grüne Kapuze ist auch kein Muss, aber sicherlich ein Erkennungszeichen. Welche Bedingungen müssen also erfüllt werden, um von einem 'modernen Robin Hood' sprechen zu können?

Der moderne Robin Hood
Ein Robin Hood hilft den Schwächeren, indem er sich gegen die Starken auflehnt. Das ist die Grundlage des Helden. Es gibt ein System, das nicht gerecht ist, und gegen das rebelliert wird. Ein Held, der von einer Gruppe gefeiert wird, und als Symbol der Veränderung gilt. Wo finden wir denn so einen Stoff wieder?
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir kommt diese Beschreibung verdächtig vor. Okay, die alte Leier von 'Me Against the World' ist uralter Plotstoff. Wenn sich Schwächere nicht gegen Stärkere behaupten müssten, hätten wir keine Geschichte zu erzählen. Aber setzen wir das alles in ein Konzept, haben wir auch schon ein Stichwort: Das System. Und in welchem Genre finden wir so etwas wieder? Aha! In Utopien und Dystopien.
Da wären wir aber schon in einer Gattung, oder auch schon bei Themen, wenn wir so wollen. Hinter Utopien und Dystopien steckt meistens Gesellschaftskritik, wie wir schon bei Huxleys „Brave New World“ oder Orwells „1984“ sehen können. Beide haben einen Protagonisten, der irgendwie aus der Reihe tanzt, aber da sind wir noch lange nicht bei dem Robin Hood Stoff angelangt.
Doch schauen wir uns mal die gegenwärtige Literatur an. In der Popkultur sind Utopien und Dystopien gerade der letzte Schrei. Man muss einfach mal durch eine große Buchhandlung zur Jugendbuchabteilung gehen. Das beste Beispiel, das vermutlich den heutigen Trend in Gang gesetzt hat, ist Suzanne Collins' „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ und da wären wir eigentlich schon, worauf ich hinaus wollte.
Katniss Everdeen, ein Mädchen von 16 Jahren, lebt in einem totalitären Staat und muss ihre Familie versorgen. Da sie in einem armen Viertel lebt und sie keine Mittel besitzen, sich Essen zu kaufen, geht sie illegal im Wald jagen. Und da haben wir schon ein Motiv, das uns bekannt vor kommt, denn Katniss jagt mit Pfeil und Bogen.

Aber das macht sie nicht gleich zu Robin Hood. Eine grüne Kapuze trägt sie auch nicht. Doch ihr erster, auszeichnender Akt der Gerechtigkeit findet sogar schon in den ersten Seiten des Buches statt. In den alljährlichen Hungerspielen, in denen jeweils ein Junge und ein Mädchen aus den bestehenden Distrikten ausgelost werden, um in der Arena gegeneinander bis zum Tod zu kämpfen, wird nämlich ihre kleine Schwester Prim ausgelost. Und Katniss, die das auf keinen Fall zulassen kann, meldet sich freiwillig für diese. Natürlich kann man hier argumentieren, dass dies aus egoistischen Gründen passiert. In gewisser Weise: ja. Es geht darum, ihre Schwester zu beschützen und nicht eine Gesamtheit. Auch in der Arena tut Katniss alles, um ihre Haut zu retten, spielt den Kameras etwas vor, und schafft es am Ende tatsächlich, die Hungerspiele zu gewinnen. Jedoch mit einem Preis: Da es eigentlich nur einen Gewinner geben soll, und sie ihren Distriktparnter Peeta ebenfalls rettet, wird als Akt der Rebellion vom vorherrschenden System gesehen. Die Regierung ist unzufrieden, doch die Gesamtheit, die Schwächeren in diesem System, sehen den Akt als Hoffnung. Sie sehen Katniss als Heldin, als Symbol der Rebellion. Sie ist der Schlüssel, um die Ungerechtigkeit zu vernichten. Die Heldin, der „Spotttölpel“, wie es in der Geschichte heißt, mit Pfeil und Bogen.
Und da finden wir auch den Robin Hood Stoff wieder. Mit dem Unterschied, dass Katniss mehr oder weniger unfreiwillig zum Symbol der Rebellion wird. Es war nicht in ihrem Sinn, das System zu stürzen, sie wollte nur sich und ihre Familie retten, doch die Menge hat etwas anderes aus ihr gemacht.

Es wurden schon öfter Vergleiche herangezogen zwischen Katniss und Robin Hood, doch meines Wissens nicht tiefgehend – es wurden immer Bezug auf Pfeil und Bogen genommen, und auch, dass Katniss sich für die schwächeren einsetzt. Interessant finde ich aber, dass sie quasi eine Anti-Robin Hood darstellt. Es lag nicht in ihrer Absicht, eine Rebellin zu werden, sie ist quasi in diese Rolle gerutscht und wurde so manipuliert, dass sie als genau diese Figur handelt. Man hat ihr ihre persönlichen Ziele herangeführt, im Zusammenhang mit dem Gesamtproblem, und sie so dazu gebracht, eine Kriegsheldin zu werden. Ich bin mir nicht sicher, ob das so von Suzanne Collins intendiert wurde, aber meine Wenigkeit findet, dass es ein interessanter Interpretationsansatz ist, und auch viel Raum für Diskussionen bietet.


Und damit möchte ich meinen ersten Blogeintrag eröffnen: Was haltet ihr von Katniss als modernen Robin Hood? Eher daneben gegriffen, oder passt es wie die Faust aufs Auge? Welche anderen Stoffe und Motive fallen euch ein, die immer wieder in Literatur und anderen Medien auftauchen? Oder ist es etwas, worüber ihr euch weniger Gedanken macht? Lasst es mich wissen!

Kommentare:

  1. Ein sehr interessanter Beitrag! :D Ich freue mich riesig, endlich mal sowas zwischen den ganzen anderen Blogs zu lesen. Schade nur, dass soetwas bislang kaum jemanden interessiert. ^^'

    Katniss als neue, moderne Interpretation des Robin Hood zu sehen, ist ein ziemlich interessanter Ansatz. Beim Lesen wäre ich nie auf die Idee gekommen. Allein weil der klassische Robin Hood für mich - wie du ja schon angemerkt hast - andere Wesenszüge aufweist und auch eine vollkommen andere Einstellung zu seiner "sozialen Stellung" hat.

    Während des Studiums haben wir uns im Kurzdurchlauf mit "The Writer's Journey" und "The Hero With A Thousand Faces" auseinander gesetzt - zwei Bücher, die dir vllt im Studium auch noch begegnen werden. Wirklich sehr zu empfehlen, wenn du dich für Heldengeschichten und Entwicklungen interessierst. Für mich war das fast schon wie eine Art "Erleuchtung", weil man die Kerntheorie auf nahezu jeden Hauptcharakter eines erfolgreichen Buches oder Films anwenden kann.
    Für mich ist Katniss, genauso wie Frodo und diverse andere Charaktere der klassische Held (dieser beiden Theorien). Begleitet von einem Mentoren gehen sie auf eine Reise, die sie nie antreten wollten und sich erst nach etlichen Kämpfen, Prüfungen und Hürden ihrem Schicksal fügen. (http://www.thewritersjourney.com/hero's_journey.htm)

    Bin auf jeden Fall sehr gespannt, worüber du in deinem nächsten Post schreiben wirst und werde definitiv ab und an vorbeischauen. =)

    Liebste Grüße,
    Peanut

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    1. Hallo Peanut!
      Ich freu mich wahnsinnig, dass du hier her gefunden hast und meinen Beitrag interessant findest. :) Ich hoffe, dass ich weiter solche Posts schreiben kann, mir macht das Auseinndersetzen mit solchen Dingen auf jeden Fall großen Spaß (ich bin froh, dass ich Literaturwissenschaften studiere :D)! Umso besser, wenn es Leute gibt, die davon lesen wollen :)

      Die Bücher werde ich mir auf jeden Fall näher angucken, vielen Dank für die Empfehlung! Heldengeschichten bzw. deren Entwicklungen find ich einfach total spannend. Besonders wenn man solche Stoffe dann in heutige Literatur verarbeitet (wie eben Robin Hood). Ich hoffe ja, eines Tages selbst mal so einen Stoff in die Hand zu nehmen und meine Geschichte drumherum aufzubauen.

      Ich kann auch nachvollziehen, dass du Katniss als den klassischen Helden siehst (was sie wahrscheinlich auch ist). Ich glaube auch nicht, dass die Autorin Robin Hood im Kopf gehabt hatte, als sie die Geschichte geschrieben hat. Aber im Nachhinein find ich es interessant mich ein wenig in die Leute in der Geschichte hineinzuversetzen, die Katniss eben als ihre Heldin der Revolution sehen, eine Rebellin, die ihnen hilft, sich gegen die höheren Mächte auflehnt (= Robin Hood), aber sie selbst möchte gar nichts von alldem, sondern nur ihre Schwester und Peeta retten (quasi eine Anti-Heldin, die, wie auch oft (zumindest in den Filmen) betont wird, nur ihre eigene Haut retten will).

      Ich freu mich auf jeden Fall, wenn du öfter hier vorbeischaust! Hoffentlich kann ich auch weiterhin solche Posts beitragen :)

      Liebe Grüße,
      Sanne

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  2. Hey,

    ich weiß gar nicht ob man Katniss unbedingt als modernen Robin Hood ansehen kann...
    Bei Robin Hood gab es ja später nicht unbedingt eine ganze Revolution, die zum Umsturz eines ganzen Systems geführt hat. Dem König schwor er ja nicht ab, sondern es waren ja eher Andere...welche die Gesetze des Königs zu ihrem Vorteil missbrauchten und diese wurden dann dafür bestraft.
    Gewiss, Katniss setzt sich für etwas ein...aber nicht unbedingt spezifisch für die Armen und Entrechteten, sondern für ihr Volk. Robin Hood stammte ja selbst zu erst aus einem gutem Haus und landete dann durch den Verrat im Wald. Außerdem war er ein Ritter, kehrte aus einem furchtbaren Krieg zurück und war schon ein Kämpfer.
    Katniss wird erst zu einer Heldin. Sie entwickelt sich, von dem Mädchen das sich für ihre Schwester opfert hin zu einer Frau die ein ganze Regierung stürzt.

    Interessanter Post :)
    LG Felan

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    1. Hey Felan,

      da sehe ich, dass ich mich ein wenig zu oberflächlich mit Robin Hood beschäftigt habe. Ich hab das wohl ein wenig zu einfach betrachtet, bzw. Robins Geschichte nicht so im Kontext gesehen. Deswegen verstehe ich auch, warum man Katniss dann eher nicht als modernen Robin Hood sehen könnte.
      Ich dachte da eher daran, Katniss als einen 'Anti-Robin Hood' zu sehen. Beide setzen sich für Gerechtigkeit ein, jedoch macht Hood das aus eigener Überzeugung, während Katniss da 'reinrutscht' und mehr oder weniger (un)freiwillig die Rolle übernimmt und zur Heldin wird. Aber ich verstehe deinen Standpunkt vollkommen.

      Trotzdem freue ich mich, dass du den Post interessant gefunden hast!

      LG Sanne :)

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