Mittwoch, 13. Mai 2015

Karten auf den Tisch: "Artistic License" oder nur faule Ausreden?

von whoispaigeturner.blogspot.de
Obacht! Nach längerer Zeit habe ich endlich wieder ein Thema, worüber ich gerne mit euch reden und eure Meinung hören würde. Weshalb dieser Post mal wieder etwas länger wird, sorry.

Creators are allowed to be inaccurate if the inaccuracy serves the story better than accuracy would.

Man kennt das ja - manchmal muss man eben etwas dazu erfinden, damit eine Geschichte wirklich zu einer spannenden Geschichte wird. Nicht umsonst nennt man diese Geschichten Fiktion. Man erkennt es auch an der lateinischen Herkunft des Wortes: "fictio" bedeutet Erdichtung. Uns macht es nichts aus, über Feen oder Vampire zu lesen, auch wenn es sie gar nicht gibt. Genauso wie über zum Leben erweckte Mumien, alte Flüche, eine Prophezeiung aus antiker Zeit. Sie geben der Geschichte die Würze, und weil wir wissen, dass das alles nur ausgedacht ist, und es in der erdachten Welt einigermaßen Sinn macht, lassen wir uns darauf ein.

Dabei muss es nicht unbedingt eine komplette neue Welt sein, wie wir es aus High Fantasy Geschichten kennen - jeder Autor schafft in seinen Geschichten eine eigene Realität. Dann gibt es eben Zombies. Aber dann muss ich wissen, woher sie kommen - werden Menschen durch eine Krankheit zu welche, oder wie ist dieses Virus zustande gekommen?

Aber Dinge wie Zombies, Vampire und Feen sind nicht eigene Kreationen. Man verändert vielleicht hier und da eine Eigenschaft, bleibt aber der eigentlichen Idee immer noch treu (es sei denn man heißt Stephenie Meyer). Man "leiht" sie sich aus. Sie wurden vorher schon erfunden. Von abergläubischen Geschichten, Märchen, Mythologien, die in verschiedenen Kulturen entstanden sind. Manchmal bindet man sich bei der Geschichte auch an die Kultur. An Feen denkt man vielleicht am ehesten an die keltische Mythologie, oder wenn man da eher Elben im Kopf hat, an die germanische. Man versucht sich an die Kulturen zu halten, sie vielleicht so gut wie möglich darzustellen - weil sie eben eine bestimmte Atmosphäre beinhalten. 

Manchmal leiht man sich dann auch ein bisschen mehr etwas aus. Historische Ereignisse, zum Beispiel. Wenn man einen historischen Roman verfasst, möchte man ja den historischen Kontext so gut wie möglich miteinbeziehen und echt darstellen. Was sie getragen haben, wie sie damals redeten - es muss authentisch sein, oder zumindest authentisch genug, damit sich der Leser darauf einlassen kann ohne zu denken "Moment Mal, da stimmt doch etwas nicht. Ist das wirklich so?

Es ist ziemlich schwer als Autor eine, wie ich sie nenne, "fiktive Grenze" für seine Geschichte zu finden. Wenn man Science Fiction schreibt, dann muss man sich eben viele Gedanken über die Technologie machen: Was ist nötig zu erklären, damit der Leser weiß, wie die Technologie funktioniert, ohne, dass ich zu sehr ins Detail gehen muss? Oder: Wie viel sollte ich erklären, damit der 'normale' Leser es versteht, aber ein 'erfahrener' in diesem Gebiet ebenfalls zufrieden ist?

Tatsächlich kann man diese Fragen auch auf jedes andere Genre anwenden. Da stelle ich mir als Autor generell die Frage: Wie viel muss ich recherchieren, damit die Welt, über die ich schreiben will, mir sinnvoll und schlüssig erscheint? Auf was muss ich achten, wenn ich über etwas schreibe, das ich selbst nicht kenne und mir fremd ist? Wenn ich bestimmte historische Ereignisse, oder Kulturen in mein Buch einbinden möchte, dann muss ich auch immer im Hinterkopf behalten: Es gibt vielleicht Leute, die sich sehr gut mit Geschichte auskennen, die mein Buch lesen. Seien sie Geschichtsstudenten oder einfach nur -interessierte, oder sogar Leute, die selbst von diesem historischen Zeitpunkt betroffen sind. Oder wenn ich über eine bestimmte Kultur schreiben möchte, vielleicht über Skandinavier, Spanier, Ägypter, Inder - es ist durchaus möglich, das Leute aus diesen Völkergruppen mein Buch in die Hand nehmen und es lesen. Was werden diese Leute von dem Buch halten? 

Man muss immer mit Kritik rechnen, egal, was man schreibt. Aber besonders wenn man über Dinge schreibt, mit denen man nicht vertraut ist. Ich bin keine Verfechterin der altbekannten These "Schreibe über das, was du kennst". Das ist mir nämlich nicht genug. Ich habe Interessen, über die ich schreiben möchte und die gehen eben über meinen Horizont hinaus - solange ich nicht recherchiere. Und darauf will ich hinaus. Recherche ist essentiell. Erstens, weil man ja möglichst authentisch sein möchte. Zweitens, weil es immer Leute gibt, die besser über das Thema Bescheid wissen als man selbst. Und drittens, einfach nur aus Respekt. Stell dir vor, jemand nimmt etwas, was dir gehört, knetet sich irgendetwas zusammen, packt die Teile an die falsche Stelle und verkauft es als etwas, was mit dir assoziiert wird. Und da wäre ich schon beim Thema..

Wer mich schon ein bisschen länger verfolgt und kennt, weiß, dass ich eine relativ miesepetrige Einstellung zu der Grischa Reihe (bzw. Shadow and Bone, Siege and Storm, Ruin and Rising) von Leigh Bardugo habe. Dabei erwähne ich an dieser Stelle, dass ich nur das erste Buch der Trilogie gelesen habe, und ich nicht vorhabe die anderen Bände zu lesen, weil mir schon das erste Buch gereicht hat, um mir ein Bild von der Reihe und von der Autorin zu machen. Dabei geht es mir nicht zwangsläufig darum, dass mir die Handlung nicht gefällt oder der Schreibstil schlecht ist - nein, in dieser Hinsicht ist das Buch ganz solide und vielleicht wird es auch in Laufe der Bücher besser. Was mich schlichtweg abgeschreckt hat ist die Tatsache, dass Bardugo anscheinend die einfachste Recherche nicht beherrscht.

Wenn ihr das Buch gelesen habt und es mochtet, dann ist das vollkommen okay. Ich möchte hier keinem ein schlechtes Gewissen einreden, oder ein Buch schlecht reden. Jeder darf mögen was er will und davon halten was er will - ich werde hier lediglich meine eigene Meinung lostreten. Ich gehe hier schlicht und ergreifend auf das ein, was ich weiter oben schon erwähnt habe: Es gibt immer Leute, die besser Bescheid wissen und persönlich von dem Buch "getroffen" werden. Ich bin einer dieser Leute, wenn es um Shadow and Bone geht.

Shadow and Bone (verzeiht, ich habe den deutschen Titel nicht recherchiert. Aber ich meine damit das erste Buch der Grischa Reihe) hat, nach vielen Meinungen - und so wird das Buch auch vermarktet - einen "exotischen" Beigeschmack. Nämlich, dass diese Fantasy-Geschichte in einem Land spielt, das an das Russland aus dem 20. Jahrhundert erinnert. Russland ist, auch wenn mir das Wort "exotisch" überhaupt nicht gefällt, eben etwas anderes inzwischen der Landschaft von Jugendbüchern, die über auserwählte Teenager im amerikanischen Alltagsleben erzählen. Es ist vielleicht tatsächlich ein bisschen exotisch aus der Perspektive von der in Los Angeles aufgewachsenen Leigh Bardugo, denn Russland, wenn auch ein Teil europäisch ist, liegt schon ein bisschen weiter im Osten.
Das sagt Bardugo auf ihrer Website selbst über Ravka, die Welt aus ihren Büchern:

"Ravka and its language were heavily inspired by Russia, but with a few deliberate exceptions, the words and place names in Shadow & Bone are my own invention. My goal was to keep things simple and to make sure that Ravkan words still had resonance for readers. In short, I took a lot of liberties and I hope the purists won’t beat me about the head and shoulders."
Stichworte sind wohl "heavily inspired by Russia", "deliberate exceptions", "resonance for readers", "I took a lot of liberties". Und da kommen wir schon zum Titel dieses Beitrags: Artistic License. Eine kurze Erklärung von tvtropes.org:
"In a nutshell, the writer is aware that some parts of the show are inaccurate. The history is wrong, or the science is off, or something else. It's easy to assume that the writer didn't bother with research. But they may well have. Often they know that what they are writing is off, and wrote it anyway. [...]"
Genau das, so habe ich es empfunden, hat Bardugo auch gemacht. Oder eben nicht gemacht. Ich kann damit Leben, dass man Wörter erfindet die irgendwie russisch klingen, damit es zum Spielort passt, auch wenn zu linguistisch keinen Sinn ergeben. Von diesen Wörtern gibt es eine Menge in dem Buch. So tragen der Atmosphäre bei und diese Freiheit ist, denke ich, legitim. Womit ich nicht leben kann, sind die bereits existierenden Wörter bzw. Tatsachen, die in dem Buch völlig falsch verwendet oder total aus dem Kontext gerissen werden.

Das einfachste Beispiel fängt gleich beim Namen der Protagonistin an. Sie heißt Alina Starkov. Wenn wir die korrekte, russische Schreibweise nehmen würden, hieße sie eigentlich Alina Starkova, weil Starkov die männliche Version ist. Auf der anderen Seite gibt es die Figur Ilya Morozova. Das Problem hier ist, dass Ilya eigentlich ein männlicher Name ist, aber der Nachname deutet auf eine Frau hin. Ich war sehr verwirrt an dieser Stelle, bis dann endlich ein "she" kam, das mir auf die Sprünge half.
Wenn man "Russische Nachnamen", bzw. im Falle von Bardugo "Russian last names" googelt, würden die Ergebnisse im zweiten oder dritten Link einem die Quelle zeigen, wo die Anwendung bei männlichen und weiblichen Namensträgern erklärt wird. Wie lange würde so eine Recherche wohl dauern, frage ich mich da.

Ein weiteres, meiner Meinung nach ziemlich witziges Beispiel ist das Vorkommen von "Kvas" in den Büchern, das von den Figuren getrunken wird und sie anscheinend total betrunken davon werden. In der Realität kann man eben nicht von Kvas betrunken werden. Nie und nimmer (Sagt eine, die Kvas schon mal getrunken hat.) Es ist vergleichbar mit Cola und hat vielleicht höchstens 2% Alkohol darin. Sogar Kinder trinken das. Wenn man wirklich ein alkoholisches, russisches Getränk braucht, kann man vielleicht "Pivo" (Bier) nehmen, oder "Samagon", oder, wenn man keine Zeit zur Recherche aufbringen möchte, gibt es immer noch "Vodka".

Ich war nämlich schon von Anfang an verwirrt, als ich den Titel der Trilogie gelesen habe, "Grischa" (bzw. "Grisha"). So werden die Magier in dem Universum genannt. Was mich verwirrt hat, ist, das Grischa eigentlich der Spitzname für den Namen Grigori ist. Das kam mir sehr willkürlich, und auch unlogisch war. So wie die Verwendung von "the otkazat'sya", die Bardugo "the Abandoned" (deutsch "die Verlassenen") nennt. "otkazat" heißt eigentlich "ablehnen". So viel zum Thema linguistisch Sinn ergebend. (Außerdem: die Welt ist an Russland angelehnt. Da gehe ich davon aus, dass sie in diesem Land russisch sprechen. Da würden solche Wörter erst recht keinen Sinn ergeben.)

Ich frage mich hierbei, ob es den Palast vom Darkling darstellen soll, denn
eigentlich sieht mir das doch schwer verdächtig nach der
Basilius Kathedrale aus...
Es sind Kleinigkeiten, das stimmt. Aber im Gesamtbild haben die Kleinigkeiten mich dann doch sehr gestört. Ich glaube mich stört weniger, dass Bardugo offensichtlich keine Lust hat, diese ihr fremde Kultur näher kennenzulernen, obwohl sie diese für ihre Zwecke benutzt, sondern, dass es grundlegende, sehr einfache Dinge sind, die man hätte recherchieren können, hätte man Google für fünf Minuten zu Rate gezogen.

Diese nachlässige Abhandlung meiner Kultur hat das Leseerlebnis vollkommen für mich ruiniert. Da frage ich mich wie es anderen Leuten geht, deren Kultur ständig falsch verwendet wird, sei es auch in einem fiktiven Werk. Und da frage ich mich, weil ich nicht nur eine Leserin bin, sondern eine angehende Schriftstellerin:

Wie viele Freiheiten darf ich mir bei der Recherche eines mir fremden Themas erlauben? Was darf ich zugunsten meines Plots, meines mir erschaffenen Universums verändern? Oder soll ich am besten diese Kultur/Mythologie/Geschichte einfach gar nicht mehr anfassen?

Eine Antwort auf die letzte Frage kenne ich bereits: Nein. Ich sollte mich nicht von dem Umfang dieses Themas abschrecken lassen. Es gibt bereits eine Vielzahl ein Büchern, die sich fremde Elemente ausleihen, und sie verändern. Das klassische Genre dafür ist Historical Fantasy, das sich an historische Ereignisse orientiert, sie aber nicht 1:1 verfolgt.

Ähnlich sind auch die Wiederverwertungen von Mythen. Wenn wir über die Griechische reden kommt uns zum Beispiel "Percy Jackson" von Rick Riordan ins Gedächtnis, das die Figuren aus Ovid's Metamorphosen behandelt. Selbiger Autor hat auch "Die Kane Chroniken" geschrieben, das sich mit der ägyptischen Mythen beschäftigt. Aber man kann deutlich an seinem Text erkennen, dass er seine Recherche gemacht hat, denn obwohl seine Geschichte fiktiv ist und es sich um eine neue Interpretation dieser Mythen handelt, so stimmen die grundstäzlichen "Fakten" überein, ohne sie zu verklären oder ihre Bedeutung zu verändern.

Das ist das, was ich meinte, wenn man versucht etwas Fiktives zu schaffen von einem Stoff, mit dem man selbst nicht so vertraut ist. Es ist wichtig, diesen Stoff nicht nur von der Oberfläche anzukratzen, sondern auch den Kontext zu kennen, auch wenn man ihn nicht vollständig einbringen will. An Beispiel von Shadow and Bone wäre es vielleicht vom Vorteil gewesen, sich ein bisschen mehr mit der russischen Sprache auseinanderzusetzen, denn da hätten sich Begrifflichkeiten schnell geklärt, und sicherlich wäre sie noch auf Möglichkeiten gestoßen, wie sie ihre Dinge hatte benennen können. Es wäre außerdem von Hilfe gewesen, sich ein Stück mehr mit der russischen Kultur zu beschäftigen. Dabei meine ich z.B. Literatur. Es gibt zahlreiche russische Märchen, an denen sie sich orientieren könnte, und von denen sie hätte lernen können. 

Ich verstehe, dass man fremde Dinge oft faszinierend findet. Ich verstehe auch, dass Recherche manchmal anstrengend und frustrierend sein kann, aber ich bin der Meinung, wenn man sich wirklich für ein Thema interessiert, dann sollte man sich auch nicht zu schade sein, ein bisschen mehr Zeit zu investieren und alles ordentlich nachzulesen. Natürlich kann man sich ein paar Dinge dazu erdichten. Ich wäre eine Hypokratin, würde ich mich bei meinen eigenen Schreibprojekten nicht der Artistic License bedienen. Aber ich möchte nicht später schreiben, dass ich mir "viele Freiheiten" genommen habe, obwohl ich eigentlich nur keine Lust hatte zu googeln.

Als angehende Autorin weiß ich auch wie es ist auf der anderen Seite zu sein: als Leser. Als Leser stelle ich nämlich Erwartungen an ein Werk. Da frage ich mich als Autor: Was soll der Leser von meinem Werk erwarten, was wird er erwarten, und wie erfülle ich diese Erwartung? Natürlich schreibt man in erster Linie für sich selbst, das tue ich zumindest. Aber ich möchte auch irgendwann gelesen werden. Ich möchte eine gute Geschichte schreiben - und Geschichten sind da, um erzählt zu werden.

Für mich steht fest: Jeder Autor hat eine Verantwortung darüber, was er schreibt. Wenn ich über eine mir fremde Sache schreiben möchte, dann nehme ich mir vor gründlich zu recherchieren, damit ich auch sichergehen kann, dass ich diese Sache auch respektiere. Wenn ich mir Freiheiten nehme, dann versuche ich zumindest die Dinge, die ich mir ausleihe, im richtigen Kontext zu verwenden. Ich verlasse mich nicht auf Stereotypen, auf Oberflächlichkeiten, nur weil ich keine Zeit aufbringen kann mich mit einem Thema intensiver zu beschäftigen, obwohl ich mir das recht nehme, als Außenseiter darüber zu schreiben. 

Puh, der Beitrag ist aber lang geworden. Aber mir schwirrt sehr viel darüber im Kopf herum und ich bin neugierig, was ihr dazu sagt.

Wie wichtig ist euch die Richtigkeit einer Geschichte, selbst wenn sie fiktiv ist? Muss das Element, dass das Buch behandelt, wirklich der Wahrheit entsprechen? Oder ist euch das eher egal, weil ihr euch nur auf eine gute Fantasy Geschichte einlassen wollt? Was haltet ihr von Recherche und was denkt ihr darüber, wie viele fiktive Freiheiten sich ein Autor erlauben darf?

Kommentare:

  1. Hallo Sanne,

    erstmal: Toller Beitrag!

    Ich persönlich fand die Grischa-Trilogie, aber ich kann auch dein Problem mit ihr verstehen. Ich schätze mal, dass ich ziemlich geschmacksabhängig.
    Das Lustigste an der ganzen Sache ist, dass die von dir oben aufgeführten Personen in der deutschen Übersetzung Alina Starkowa und Ilja Morozow. Und letzterer ist in der deutschen Übersetzung, wenn ich mich nicht total täusche, ein Mann.

    Wie gesagt habe ich persönlich kein Problem damit, dass Leigh Bardugo die Trilogie nur an das Russische anlehnt, auch wenn eine exakte Recherche die Genialität natürlich gesteigert hätte. Aber die Geschichte spielt nicht in Russland, sondern in einer HF-Welt und High Fantasy hat die schöne Eigenschaft, dass man als Autor über eine gewisse Freiheit verfügt.
    Damit mal der Sprung zum Allgemeinen. Solange eine Geschichte in "unserer Welt" spielt, ist man an unsere Geschichte, unsere (Natur-)Gesetze, unsere Kulturen gebunden, in einer HF-Welt hat man als Autor theoretisch die Freiheit, sich über all dies hinweg zu setzen. (Eine Freiheit, der ich mich beim Schreiben auch manchmal bediene.) Je ähnlicher diese Welt allerdings der unsrigen ist, desto angenehmer zu verstehen für den Leser. Auch wenn der gegengesetzte Fall natürlich auch seinen Reiz hat. Nachteil: Man muss eigene Gesetze, Kulturen etc. erfinden und einstimmig blieben. Eine Kunst der Logik, die nicht jeder Autor beherrscht. Denn High Fantasy- Welten sind nunmal um Einiges komplexer.

    Dazu fällt mir meine letzte Schullektüre, "The Giver", ein, bei der Erklärungen teilweise fehlten. Ich hatte dazu eine Diskussion mit meinem Lehrer. Seine Ansicht, dass in einer dystopische Welt nunmal schlicht eine andere Logik wäre, reichte mir nicht. Denn das Faszinierendste an fantastischen Elementen ist immer die Eingliederung in unsere Welt. Die Erklärungen, wie diese Elemente in unsere Naturgesetzte gegen jede Erfahrung passen, die im besten Fall sogar absolut logisch wirken. Und der damit verbundene Reiz, dass Fantasy theoretisch gar nicht mal so unrealistisch wäre.
    Übrigens ein Grund, weshalb ich so gerne Fantasy lese.

    [... ich musste diesen Kommentar aufsplitten, weil ich so viel geschrieben habe. o.O Entschuldigung schonmal dafür.]

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  2. Gut recherchierte Geschichten haben in der Regel den Vorteil, dass sie authentischer wirken und einen gewissen Lerneffekt für den Leser bereithalten. (Siehe Rick Riordan. ^^) Je geringer die Recherche, desto mehr muss man das durch eigene Schlüsse, erdachte Logik, etc. ausgleichen. Bei einer Urban Fantasy-Geschichte ist das nicht immer legitim, bei einer HF-Story kann ich das akzeptieren, soweit es nicht unlogisch wird.
    Damit auch ein kleiner Schwenk zurück zu "Grischa": Es wäre vielleicht schöner und lernreicher gewesen, hätte sie sich wirklich auf die russische Kultur bezogen. Da sie aber eine erfundene Welt benutzt, die ansonsten in dem Rahmen auch durchdacht ist, kann ich persönlich akzeptieren, dass über dieser nur ein russischer Flair liegt, der ansonsten frei abgewandelt wurde.
    Nicht jeder Autor hat die Muße Tolkiens, sich eine komplette eigene Sprache auszudenken, auch wenn er fiktive Worte verwenden will.

    Am kritischsten sehe ich das bei historischen oder auf Mythen bezogene Romane: Hier sollte wirklich eine Menge Recherche hinterstecken, denn hier finde ich falsche Informationen am gravierendsten. Historische Romane sollten eine historische Richtigkeit haben, schließlich reden wir hier von eine Realität, die schlicht ein paar Jahre her. Das nicht alles überliefert ist, ist klar, aber das sind die Ausnahmen dank der modernen Forschung. Und falsch verwendete Mythen verlieren einfach ihren ganzen Reiz.
    Bei Vampiren, Elfen und Co. weiß sowieso keiner mehr so wirklich, wie der ursprüngliche Mythos ausgesehen hat (vor allem bei Elfen), dennoch vermittelt für mich auch hier mythologische Richtigkeit einen gewissen Reiz, der mit der Idee verbunden ist, dass Mythen möglicherweise nicht von Ungefähr kommen könnten.
    Fiktive Elemente haben aber auch den Vorteil, dass sie neu sein können und sich damit von dem von Vampiren und Ähnlichem überbevölkerten Genre abheben. Selbiges gilt für Abweichungen von der Norm.

    Okay, tut mir wirklich total leid für den langen Kommentar, ich kann gerade bestens nachvollziehen, wieso dein Post so lang ist - es fällt einem einfach so unglaublich viel dazu ein. ;) [Ich musste noch nie einen Kommentar splitten. Oha. Sorry. :/)

    Ganz liebe Grüße ♥

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    1. Hallo Dana!

      Vielen lieben Dank. ♥ Du brauchst dich überhaupt nicht zu entschuldigen, dass dein Kommentar so lang ist. Du weißt gar nicht wie froh ich bin, dass sich Leute ernsthaft hier hinsetzen und Kommentare verfassen, und wenn sie noch dazu so lang sind, freu ich mich doppelt!

      Da hat die deutsche Übersetzung tatsächlich eine kleine Korrektur vorgenommen. Find ich gut, dann wurde zumindest darauf geachtet. Ich habe ehrlich gesagt die deutschen Ausgaben nie in die Hand genommen um zu überprüfen, ob sie ebenfalls diese Fehler drin haben (hätte ich mal tun sollen).

      Das stimmt, es ist nur eine erdachte Welt, aber für mich spielt eine Rolle, dass diese erdachte Welt an eine echte Kultur angelehnt ist. Da erwarte ich als Leser, dass diese Kultur, wenn sie sich fiktiv verwendet wird, zumindest linguistisch eine Richtigkeit hat. Da muss man auch kein Tolkien sein (den ich für seine Arbeit sehr bewundere), und es ist soweit ich beurteilen kann gar nicht so viel Arbeit.
      Ich kann aber verstehen, dass das trotzdem für den Leser generell "reicht", was Bardugo angewandt hat. Ich nehme das alles deshalb so auseinander, weil ich die Kultur selbst sehr gut kenne und ich diese Fehler bemerkt habe.

      Ich habe absolut nichts gegen fiktive Elemente! Meinetwegen kann Bardugo so viel Russisches nehmen wie sie will. Mein Problem sind die Fehler, die sie gemacht hat. Ich hätte Bardugos Geschichte eben nur besser gefunden, wären diese Fehler, die für mich schon keine Kleinigkeiten sind, vermieden worden. Am meisten stört mich ja, dass diese Fehler sehr, sehr leicht hätten umgangen werden können, verstehst du? Es hätte nicht viel Zeit gekostet, zumindest bei den Dingen wie Namen, oder dem Kvas, etc. Dabei ist mir egal, ob sie in einem echten oder fiktiven Russland schreibt. Sie benutzt russische Dinge, und es wäre eben besser gewesen, hätte sie sie "richtig" benutzt.

      Zu der Sache mit "The Giver": Die Erklärung von deinem Lehrer war auch ehrlich gesagt ein bisschen lahm. Das wäre mir auch nicht genug gewesen. Innerhalb einer Welt, selbst wenn sie völlig fiktiv ist wie die Dystopie in The Giver, muss in sich schlüssig und logisch sein, sonst kann sich der Leser nicht vollkommen darauf einlassen, weil da etwas fehlt oder einen etwas stört. Deshalb kann ich dich da vollkommen verstehen.

      Mein Kommentar ist auch ein bisschen länger geworden, ha. :D Aber das macht nichts, echt. Ich find's toll zu diskutieren, vor allem bei so einem Thema, das so viele Fragen aufwirft!

      Liebste Grüße ♥

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    2. Hallo Sanne, nochmal! :D

      Mir gefällt es gerade, dass Übersetzer tatsächlich mitdenken, anstatt nur stumpf zu übersetzen. Wobei man ja ein bisschen mehr mitdenken muss, weil man dann ja nochmal Teile der Übersetzung übernimmt. ^^

      Wie gesagt, ich verstehe dich wirklich. Es sind Fehler, die man nicht hätte machen müssen und mit ein bisschen Recherche hätte die Autorin den Schliff Genialität noch unterstreichen können. Vor allem bei Dingen wie dem von dir beschriebenen Kvas (und hier verlasse ich mich auch mal komplett auf dein Urteil) finde ich auch vollkommen unnötig.
      Ich kenne mich aber ehrlich gesagt mit der russischen Kultur nicht wirklich aus ergo sind mir die Fehler auch nicht aufgefallen. Dazu kommen im Nachhinein die Korrekturen in der Übersetzung - und Sachen wie die mit dem Kvas kann ich unter diesen Umständen auch als Kleinigkeit werten - vermeidbar, aber nicht vermieden. Weil ich mich in meinem Eindruck den Fokus auf den in meinen Augen sehr gelungenen Charakter-, Spannungs- und Handlungsaufbau gelegt habe.
      Von daher tut es mir ehrlich gesagt wirklich leid, dass diese wie gesagt vermeidbaren Fehler dazu führen, dass jemand wie du, der sich mit der Kultur auskennt, den Rest nicht würdigen kann - nicht in dem Sinne wie jemand, dem die Fehler nicht aufgefallen sind. Ich hoffe, du verstehst, was ich sagen will. xD

      Jep. Die Erklärung war mehr als lahm. Ich hatte generell gewisse literarisch bezogene Auseinandersetzungen mit ihm. xD
      Und gerade bei einer Dystopie, die sich ja im Grunde auf unsere Welt stützt, erwarte ich gewisse logische Erklärungen. ^^

      Ich kann mich dir mit dem letzten Punkt nur anschließen. :D Das Thema hat aber auch eine riesige Spannbreite.

      Nochmal ganz viele liebe Grüße ♥♥

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  3. Hallo,

    interessanter Beitrag!

    In dieser Ausführlichkeit habe ich mir eigentlich noch nie Gedanken zu diesem Thema gemacht. Lediglich in Bezug auf historische Romane habe ich mir schon gedacht, dass hier genaue Recherche nicht nur wichtig, sondern eigentlich unerlässlich ist (auch wenn ich dem Autoren/der Autorin natürlich gewisse Freiräume zugestehe, anders wäre das Schreiben eines solchen Romanes nicht möglich). Besonders gut finde ich, wenn am Ende darauf hingewiesen wird, auf welcher Grundlage von Fakten die Geschichte beruht und was frei erfunden oder abgeändert wurde (im besten Fall auch, warum es verändert wurde). Mit einer solchen Erklärung gebe ich mich aber auch relativ schnell zufrieden, denn wenn ich korrekte historische Fakten haben will, greife ich zum Sachbuch und nicht zu einem historischen Roman.

    Da ich sehr selten Fantasy-Bücher lese habe ich mir im Bereich dieses Genres noch keine Gedanken dazu gemacht, kann deine Meinung aber nachvollziehen und größtenteils auch zustimmen. Wer etwas über Vampire, Elfen/Elben, Werwölfe etc. liest, hat ja von irgendwoher gewisse Vorstellungen und mich würde es nicht wundern, wenn jemand ein wenig verwirrt wäre, wenn alles komplett verändert werden würde. Neue Ideen könnten das Genre aber bspw. auch wiederbeleben, so wie du das bereits bei Twilight angedeutet hast.

    "Grischa" kenne ich nicht, kann deine Anmerkungen dazu aber ebenfalls nachvollziehen. Ich weiß jedoch nicht, ob ich selber so kritisch bin. Wie gesagt, wenn eine Autorin im Vorhinein sagt, dass sie sich nur entfernt an Russland anlehnt, wäre ich damit wohl auch zufrieden. Ich komme jedoch auch nicht aus Russland und kann mir durchaus vorstellen, dass es komisch ist, wenn man den "russischen Anteil" auf "falsche Weise" verwendet findet.

    Ich hätte aber noch eine Frage: wenn "otkazat" eigentlich "ablehnen" heißt - passt das dann nicht trotzdem? "Verlassene" sind ja auf ihre Weise vllt auch "Abgelehnte"? Oder verstehe ich da jetzt irgendetwas falsch?

    Liebe Grüße :)

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    1. Ich mische mich hier mal ganz dezent ein, weil ich ja noch nicht die Kommentar-Kapazität gesprengt habe: Bei deinem letzten Punkt hatte ich ähnliche Gedanken - so unterschiedliche ist die Bedeutung ja nicht. ;)

      Liebe Grüße :)

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    2. Hallo! :)

      Erst eimmal: Dankeschön!

      Solche Erklärungen würden mir auch vollkommen reichen. Es ist ja immerhin ein Roman und nicht, wie du schon sagtest, ein Sachbuch. Fiktive Sachen muss man ja auch einbauen, um den Roman spannend zu machen. Aber da vertraue ich den Autoren trotzdem, dass sie ihre Recherche gemacht haben und nichts verklärt darstellen, oder sich etwas zusammenwürfeln. Besonders in diesem Genre ist es wirklich wichtig, da stimme ich dir zu.

      Es ist wirklich komisch. Vor allem weil es keinen triftigen Grund gibt, warum sie diese Sachen auf "falsche Weise" darstellt bzw. sie falsch verwendet. Hätte sie einen Grund gehabt, so wie du sagtest die Autoren von historischen Romanen, die am Ende schreiben, warum sie etwas verändert haben - dann hätte ich auch nicht gemeckert. Das ist aber nicht der Fall, deshalb kritisiere ich sie in dieser Hinsicht.

      Es stimmt schon, dass man das so interpretieren kann. Man hätte aber auch einfach das korrekte russische Wort benutzen können - "broshenij". Es hätte zumindest für mich mehr Sinn gemacht. :)

      Liebe Grüße ♥

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    3. Vor allem ist die Tatsache, dass bei weiblichen Nachnamen ein "a" am Ende angefügt wird, gar nicht soooo unbekannt.

      Wahrscheinlich hat ihr die korrekte russische Übersetzung nicht gefallen oder so.^^

      Was mir zu "Grischa" eingefallen ist: Rasputin hieß ja mit Vornamen Grigori und war ja auch, zumindest der Legende nach, ein "Magier". Könnte ja sein, dass daher die Verbindung kommt...

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    4. Ja stimmt, daran habe ich nicht gedacht. Darauf hatten mich auch meine Eltern hingewiesen, als ich ihnen von Grischa erzählt habe. Aber meiner Meinung nach wäre das sehr weit hergeholt - also, zumindest der Grund sie so zu nennen. Kann aber sein, dass sie davon auf den Namen kam!

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  4. Ich geb dir da so Recht. Fiktion ist die eine Sache und das ist auch das coole an Literatur, dass man so viel dadurch machen kann, aber wenn man sich im linguistischen und Settingaufbau schon an etwas anlehnt, sollte man es auch durchziehen und nicht einfach "Es klingt so ähnlich, passt schon" draus machen. Ähnlich ist es doch auch bei J. K. Rowling und den Zaubersprüchen gewesen nur im positivem Sinne. Vielleicht nicht perfektes Latein, aber man sieht an ihnen die Historizität, den lateinischen Ursprung und die Vokabeln sind richtig verwendet. Ich hab das Problem auch gerade bei Autoren, die nicht Fantasie schreiben. Es gibt so viele, die Kriminalgeschichten schreiben, und dann sich nicht mal die Mühe machen mit Poliziten und richtigen Kriminalisten zu unterhalten, sowie ordentlich Rechtsbegriffe zu recherchieren. Oft lesen sich solche Sachen wie "zu viel fernsehen gesehen." Gerade Autoren, wie diese Tuse von Beautiful Desaster kann ich nicht ernst nehmen, wenn ihr nächster Roman um einen FBI Agenten handelt. Dabei schludert sie konstant beim schreiben. Und ich hasse es auch, wenn mythische Monster verklärt werden und plötzlich anfangen zu glittern, weil dass so viel cooler ist als in der Sonne zu brennen. Oder wenn man eine ganze Szene falsch darstellt und dann noch romantisch verklärt, so dass jetzt ganze Massen das falsche Bild von BDSM haben und man richtig Angst bekommen muss.
    Es heißt doch nicht umsonst: Recherche ist das A und O bei Autoren und so viele wurden schon dafür verschmäht und nicht mehr Ernst genommen. Es gibt genügend Leute, die nämlich wissen wie Google funktioniert und wie man gut recherchiert und die ihre Entdeckungen auch teilen. Ich kann es so verstehen, dass es dich aufregt, dass hier mit Worten und Begriffen und Dingen um sich geschmissen wird, die gar nicht passen.

    Ich liebe deine langen Beiträge und wie gut die btw recherchiert sind!

    Liebe Grüße,
    Susanne

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    1. Genau so sehe ich das auch! Genau diese Nachlässigkeit hat mich unglaublich gestört und ich habe da auch keinen Grund sehen können außer eben schiere Faulheit, warum man nicht besser damit umgehen konnte. Es wäre echt nicht schwer gewesen, hätte immer noch ihren beabsichtigten Effekt erzielt, wenn nicht sogar verbessert. Dann hätte sie nämlich nicht Leute wie mich am Hals, die wahrscheinlich keines ihrer Bücher mehr anrühren wird.

      Bei anderen Genres sehe ich das auch so wie du. Ich kann verstehen, wenn man FBI Agenten cool findet und über sie schreiben will - okay. Aber da muss man eben nicht nur das Fernsehwissen aktivieren, sondern das Wissen erweitern. Tut man das nicht, vermittelt man auch noch dazu falsches Wissen. Man unterschätzt oft, was für einen Einfluss fiktive Werke haben. Wenn man bedenkt, wie viele "Märchen" uns zum Beispiel Hollywood aufgetischt hat, und jetzt hängen wir uns an ihnen auf und akzeptieren sie als Realität. Es gibt ja auch Leute, die glauben, Dan Browns Bücher behandeln Fakten. Aber na ja, selbst Dan Brown glaubt er berichte von der Realität..

      Stephenie Meyer hat in dem Versuch originell zu sein, das Vampir-Genre extrem geschadet. Niemand wird Vampire in den nächsten 10 Jahren (vielleicht jetzt nur noch 7..) ernst nehmen. Sie hat den Vampiren ihre Essenz geraubt, und sie zu glitzernen Kuscheltieren gemacht. Und E.L. James hat ironischerweise das gleiche getan, hat die BDSM Community total verkehrt dargestellt, aber da trifft es ECHTE Leute, was ich viel schlimmer finde.

      Ich kann Autoren, die die einfachste Recherche nicht beherrschen, eben nicht ernst nehmen - klar, man macht sicher Fehler. Ich werde sicherlich als (noch angehende) Autorin sicherlich viele machen. Aber ich leg's nicht darauf an und google lieber vorher.

      Vielen lieben Dank! ♥

      Lieb Grüße ♥

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