Montag, 4. April 2016

Rezension: Zechengeister

Worum geht's?

Micha ist ein Bergmann im Ruhrgebiet am Ende des 19. Jahrhunderts. Seine tägliche, monotone Arbeit in den Stollen muss er verrichten, um seine Familie, bestehend aus seiner Mutter und Neni, seiner zwölfjährigen Schwester, ernähren zu können. Allerdings fällt das normale Leben auseinander, als die Narrenkrankheit über seine Stadt bricht. Niemand kann sich erklären wie das zustande gekommen ist. An Aberglaube und Magie glaubt Micha nicht. Nur stellt sich heraus, dass Neni Geister sehen kann - was sich bei der Lösungsfindung bezüglich der Narrenkrankheit als hilfreich erweist. Gemeinsam mit seiner Schwester begibt sich Micha in eine Welt, an die er bisher nicht geglaubt hat.

Meinung

Als jemand, der selbst im Ruhrgebiet wohnt, habe ich die tolle Atmosphäre im Buch genossen. Die Zechen, die Arbeitshäuser (ich lebe selbst in einen der ehemaligen Arbeitshäuser in der Nähe einer Zeche), die Industriegebiete, die graue Landschaft - ich habe mich sofort Zuhause gefühlt und fand es toll, dass sich die Autorin diesen Schauplatz ausgesucht hat. Für historisches Fantasy dieser Art passt es sehr gut.

Micha ist unser Protagonist, der ein wenig abgestumpft ist. Kein Wunder - sein Vater ist gestorben und nun ist er Ernährer der Familie, der jeden Tag eintönige Arbeit verrichtet. Seine Mutter trauert immer noch, sodass sie nicht ganz bei der Sache ist. Weswegen Micha auch seine kleine Schwester großziehen muss, was keine leichte Aufgabe ist. Mir hat dieser Familienaspekt sehr gut gefallen. Die Beziehung zwischen Neni und Micha ist nachvollziehbar und liebevoll gestaltet. Michas Sorgen, dass seine Schwester eine andere Bruderfigur im Leben hat, sind durchaus authentisch und auch Neni, die sich lieber eine andere Bezugsperson sucht, weil sie glaubt, ihr Bruder nehme sie nicht ernst, ebenfalls. Die Entwicklung dieser Beziehung hat mich in diesem Fall am meisten interessiert. 

Die Charaktere sind liebevoll gestaltet. Wir haben verschiedene Charaktere, die auch anders sprechen und sich anders geben. Micha, der eher wortkarg ist und an seine Verpflichtungen denkt - ein gläubiger Katholik, der nicht an das Übernatürliche glaubt. Neni, die stur ihre Sache durchzieht und mit Herzblut versucht, andere mitzureißen. Falkor, der an das glaubt was er tut und an seine Überzeugungen glaubt, selbst wenn er am Ende bestraft wird und Jari - ein paradoxer Charakter, meiner Meinung nach, aber genau das, was ihn so interessant macht. An dieser Stelle möchte ich nicht zu viel verraten, weil das zu sehr in die Story geht. Am meisten wollte ich von ihm erfahren. Allerdings muss ich hier erwähnen, dass mir alle Charaktere ein wenig zu ausgeglichen vorkamen. Das heißt nicht, dass sie alle "gleich" sind, aber sie waren mir ein wenig zu "brav". Ich mag es, wenn Charaktere Extremitäten aufweisen. Das meine ich in dem Sinne, dass Micha ruhig ein wenig sarkastischer sein könnte, und Falkor ein wenig schroffer und Jari ein wenig verzweifelter. Das hätte die Charaktere noch stärker gezeichnet, sodass sie mir länger in Erinnerung geblieben wären.

Das lässt sich auch auf die gesamte Story übertragen. Es ist ein Fantasy-Roman, der sich aber ein wenig wie ein Kinderbuch liest. Die Beschreibungen, wenn auch die Worte treffend waren, waren mir auch zu "brav". Gerade bei einer Geistergeschichte hätte ich mir da ein wenig mehr Grusel-Faktor gewünscht. An einer Stelle funktioniert es richtig gut: Als die Charaktere auf dem Friedhof sind. Das liegt zu einem an dem Setting, aber zum anderen hat die Autorin dort meiner Meinung nach den Ton am besten getroffen. Ich finde jedoch, gerade im Ruhrgebiet während der Industrialisierung ist als gesamter Schauplatz geeignet für ein bisschen mehr Düsteres. Es war düster - aber für meinen Geschmack zu wenig, um mich wirklich mit aller Kraft packen zu können.

Stilistisch sind mir einige Dinge aufgefallen. Ich fand die Wortwahl an vielen Stellen sehr schön, vor allem wenn es um die Gefühlsbeschreibung der Figuren geht. Der Roman wird von vielen personalen Erzählern getragen. Oft sind wir in Michas und Nenis Kopf, aber auch Jari kommt zu Wort und ein paar Nebenfiguren. Allerdings ist mir aufgefallen, dass in den Szenen, in denen Micha und Neni sich befinden, der personale Erzähler zwischen ihnen wechselt - mitten in der Szene. Das hat mich sehr verwirrt und hat den Lesefluss gestört. Es wäre besser gewesen, hätte man sich für eine Perspektive pro Szene entschieden, oder hätte man an der Stelle einen doppelten Absatz eingeführt.

Am Ende kam mir der Roman ein wenig langgezogen vor - als hätte man versucht, noch ein paar Seiten zu füllen. Die Szene mit Kemper und Sofia fand ich ein wenig überflüssig. Das Thema der Ausländerfeindlichkeit, die hier auch eine Rolle spielt, kam für mich auch vorher gut zum Vorschein. Man hätte für Micha eine andere Situation finden können, in dem er sich behaupten könnte, sodass man sieht, dass er nicht mehr der passive Mitstreiter ist. Auch die Szene mit Falkor, als er sein Leben reflektiert, fand ich ein wenig zu langgezogen. Das war eine ganze Passage mit Telling statt Showing. Es hätte mir besser gefallen hätte man die Dinge, an die er sich erinnert, vorher irgendwie eingebaut.

Dennoch finde ich, dass die Geschichte viel Spannung aufweist. Ich wollte immer wissen, wie es weiter geht. Ich fand es schön, wie der Archetyp des "Gestaltenwandlers" eingesetzt worden ist, weil es für Überraschungen sorgte. Ich fand die Ideen der Hirten auch interessant, weil mir so etwas noch nicht beegnet ist, wobei ich mir gewünscht hätte, würde man da nicht nur ein sondern mehrere Flashbacks bekommen, weil ich gerne mehr von ihnen erfahren hätte.

Fazit

Bei "Zechengeister" von Romy Wolf handelt es sich um eine schöne historische Fantasy Geschichte, in der vor allem die Beziehung eines Geschwisterpaars eine tragende Rolle spielt. Der Schreibstil ermöglicht eine greifende Atmosphäre und spannende Story, die jedoch noch mehr Potential gehabt hätte. Die Tiefe der Figuren hätte noch weiter ausgearbeitet werden können, was nicht heißt, dass die Figuren keine individuellen Merkmale besitzen - im Gegenteil. Es hat Spaß gemacht sie auf diese Reise zu begleiten und zu sehen, wie sie über sich hinauswachsen.

Worauf du dich einstellen kannst:
 Geisterspaß, Magie, süße Bruder/Schwester Dynamik
Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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