Sonntag, 8. Mai 2016

Kill Your Darlings

William Faulkner hat mal gesagt: "In writing, you must kill all your darlings." Das bedeutet, dass man sich von den Dingen in seiner Geschichte trennen sollte, die einem zwar ans Herz gewachsen sind, aber nichts zur Story beitragen. Mit "darlings" sind nicht immer Charaktere gemeint. Das können Textpassagen sein, Wörter, die man gerne benutzt, Beschreibungen etc. Deswegen ist "Kill Your Darlings" ein Methode, die einem schwerfallen kann. Wer trennt sich schon gerne von Dingen auf die man stolz ist? Für manch einen ist dies eine radikale Lösung, aber auch eine notwendige, die eine Geschichte besser formt.

Am vergangenen Wochenende habe ich mich mit meinem derzeitigen Projekt CLOCKWORK CURSE (das immer noch einen neuen AT braucht, weil der jetzige nicht mehr zur Story passt :D) beschäftigt. Allerdings habe ich nicht direkt an der Geschichte gearbeitet, sondern mehr hinter den Kulissen gefeilt. Ich habe mir jeden einzelnen Charakter noch einmal angeschaut, die Steckbriefe überarbeitet und angepasst. Dabei sind einige Dinge aufschlussreich geworden und ich habe den roten Pfaden meiner Geschichte besser überblicken können, denn viele Charaktere bedeuten viele Motivationen und Ziele, die den Plot vorantreiben. Es hat mir geholfen die Geschichte nochmal individuell aus jedem Blickwinkel zu sehen, aber mir ist auch etwas klar geworden: Es kann überflüssige Charaktere geben.

Ich weiß nicht wie es bei anderen Autoren ist, aber bei mir ist es so, dass meine Geschichte durch einen Funken entsteht. Dieser Funken kann ein Motiv sein - irgendeine grobe Handlung. Im Falle von CC wäre dies "Der unsichtbare Freund eines Mädchens kehrt zurück." Darauf folgen Ideen, ein "Was wäre wenn"-Szenario: "Was ist, wenn der unsichtbare Freund das Mädchen in eine andere Welt führt?" und so weiter. Ungefähr so spinnt sich dann eine Handlung, und mit ihnen die Charaktere. In der groben Handlung habe ich bereits zwei Figuren, den unsichtbaren Freund und das Mädchen. Damit die Geschichte mehr Leben bekommt, füge ich weitere Charaktere hinzu - Charaktere, die zu diesem Zeitpunkt unentbehrlich erscheinen. Sie haben alle eine Funktion, nämlich den Plot voranzutreiben. Aber dann entwickelt sich die Geschichte von Zeit zu Zeit, von Entwurf zu Entwurf und die Funktion der Charaktere verändern sich, bis sie vielleicht... gar keine Funktion mehr haben.

Man sieht es im ersten Moment nicht. Man ist so an den Charakter gewöhnt, dass man ihn gar nicht mehr in Frage stellt. Jedoch hat sich meine Geschichte von der groben Idee bis hin zum aktuellen Entwurf massiv verändert. Zu Anfang war es als vollkommene High Fantasy Geschichte geplant, ganz klassisch mit Königreichen und all dem Kram. In diesem Entwurf gab es einen Prinzen namens Basil, der eine wichtige Rolle für einen Plot und Subplot gespielt hat. In dem jetzigen Entwurf gibt es allerdings kein Königreich und der Prinz ist ein normaler Bürger, der Bruder eines Protagonisten. Seine Rolle als Diplomat und Love Interest einer anderen Figur ist zwar geblieben, aber er wurde in den Hintergrund gedrängt, weil andere Plotpunkte interessanter wurden. Ich habe ihn auch lieb gewonnen, immerhin habe ich Zeit verwendet um ihn dreidimensional zu gestalten. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit ihn zu behalten. Aber dann habe ich mir die Charakterkonstellation genauer angesehen.

Und zwar habe ich wieder ein "Was wäre wenn"-Szenario aufgebaut. Was wäre wenn Nick, Basils Bruder und einer der Protagonisten, Basil in der Rolle des Diplomaten ablösen würde? Der Gedanke kam als ich eine Idee für eine Szene bekam, in der Basil - würde man von logischer Rollenverteilung ausgehen - nicht hinein passen würde, Nick aber schon. Dafür müsste ich Nicks Figur ein wenig modifizieren. Die Modifikationen haben plötzlich Sinn ergeben und Nicks Charakter greifbarer gemacht, ihm mehr Tiefe verliehen. Das hat mir sehr gefallen, allerdings hatte ich dann Schwierigkeiten Basil noch in die Handlung einzugliedern. Er hat nämlich eine Teilfunktion verloren. Die andere Teilfunktion ist mir aber noch wichtig: Basil ist blind und die Blindheit spielt eine wichtige Rolle, weshalb ich sie ungern streichen würde. Aber ist das richtig den Charakter nur auf eine Eigenschaft - und zwar seiner Behinderung - zu reduzieren? Denn seine Rolle in der Konstellation, in den "Beziehungskisten", war plötzlich weg. Da wurde mir klar, dass Basil nicht mehr hinein passt. Er ist überflüssig. Seine Teilfunktion kann auch schon von einem anderen entwickelten Charakter übernommen werden. Somit ging auch seine Behinderung auf Nick über und Basil war offiziell gestrichen. 

Es tat mir weh, weil ich ihn wirklich mochte - und so habe ich "kill your darlings" am eigenen Leib erfahren. Aber gleichzeitig war es eine Erleichterung. Als wären mir Steine aus dem Weg geräumt worden. Ich muss meine Energie nicht mehr auf einen überflüssigen Charakter konzentrieren. Der Plot erscheint mir plötzlich schlüssiger, klarer. Auch wenn Basil gehen musste, so hab ich etwas dazu gewonnen: Nick bekam mehr Tiefe, ich habe ihn besser kennengelernt und der Plot ist auch besser geworden in meinen Augen. Es war der nötige Schliff für den Charakter, weil ich mit Nick nicht warm wurde, und jetzt weiß ich warum: Es hat etwas gefehlt. Ich habe die Last reduziert, die meine Geschichte hinunter gezogen hat. Natürlich bleibt Basil in meinem Hinterkopf - vielleicht finde ich noch eine Funktion für ihn, in einer Fortsetzung. Aber gerade ist er nicht notwendig um die Geschichte zu erzählen, die ich erzählen will. 

Natürlich gibt es auch ein paar Nachteile. Basil war ein Love Interest für einen der Hauptcharaktere (gerade sind es sechs Hauptcharaktere, davon sind drei die Protagonisten). Ich habe aber eingesehen, dass es für diesen Subplot im ersten Teil von CC keinen Platz gibt. Ich bin jetzt schon bei 50.000 Wörtern und habe gerade mal die Hälfte der Geschichte erreicht. Das würde nicht aufgehen. Was nicht heißt, dass ich ihn vollkommen aus dem Kopf geräumt habe - wer weiß, vielleicht wird dieser Subplot in der Zukunft noch nützlich.

Ich wette, ich werde es noch öfter mit "kill your darlings" zu tun haben, sobald ich in meiner 3. Überarbeitungsphase bin. Und mir werden auch Beta-Leser im 4. Entwurf raten, ein paar meiner Lieblinge umzubringen. Aber es ist für das Beste - man will eben die bestmögliche Geschichte erzählen, die nicht daran scheitern soll, nur weil man sich von lieb gewonnen Dingen nicht rennen kann.

Wie seht ihr das Kill Your Darlings Prinzip? Haltet ihr es für eine sinnvolle Methode? Musstet ihr euch auch von Lieblingen trennen für 'das größere Wohl'?

Kommentare:

  1. Hallo liebe Sanne,

    das kenne ich nur zu gut. Irgendwann habe ich mich hingesetzt und darüber nachgedacht, welche Funktion die Charaktere in Zukunft übernehmen werden. Und habe dabei auch den Fall kennengelernt, dass ich einen Charakter erst streichen wollte, mich dann aber doch nicht dazu durchringen konnte. Und ihm deshalb eine neue Funktion verpasst habe.
    Irgendwo habe ich auch mal gelesen, dass Umbringen auch eine sinnvolle Idee ist, sich der Charaktere zu entledigen, die bis dato eine Funktion hatten, danach dann aber überfällig werden. xD

    Ich schätze, das ist auch eins der schwierigsten Teile am Schreiben: Das Rausstreichen. Das Trennen von Passagen oder Inhalten, die einem am Herzen liegen und gleichzeitig das Herausfinden, was bleiben muss, um die Geschichte zu erhalten.
    Ich selbst mache oft den Fehler, zu nah an der alten Version zu bleiben und du hast deshalb meinen Respekt, dass du einen Ex-Protagonisten komplett rausgestrichen hast.

    Ganz liebe Grüße ♥♥

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    1. Ich habe auch erst einmal versucht Basil eine neue Funktion zu geben, aber ich habe festgestellt, dass für diese Funktion in diesem Teil der Geschichte kein Platz ist. Ich müsste dann schauen ob ich ihn in eine Fortsetzung reinpacke, aber das wird sich zeigen.
      Hatte ich auch kurzfristig überlegt, aber da es sich um einen schwulen Charakter handelt, der in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung sein sollte, wollte ich damit nicht den "Dead Gay Trope" in die Hände spielen. :/

      Man merkt einfach beim vielen überarbeiten nicht, wie sehr sich die Geschichte verändert. Du bist ja ständig in diesem Prozess involviert und dementsprechend sind die Übergänge immer ziemlich fließend. Erst wenn man einen Schritt zur Seite macht und das Ding nochmal aus einer anderen Perspektive betrachtet, erkennt man so etwas erst.

      LG ♥

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    2. Ja, das stimmt. Ich habe ewig nach den Schwächen gesucht, die mir zwar auffielen, die ich aber nicht benennen konnte, und bin erst durch eine Testleserin darauf gestoßen. Ich habs dann ein halbes Jahr liegengelassen und überarbeite jetzt - ob das was bringt, weiß ich noch nicht. xD

      Noch einen schönen Sonntag! ♥

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