Dienstag, 7. Juni 2016

Spotlight: Die Illusion einer seriösen Literatur

Mit "Spotlight" rücke ich Bücher in den Vordergrund eines größeren Kontexts wie Artikel, Serien, aktuelle Themen, etc.

Leider, lieber Herr Oliver Jungen, blieb es mir verwehrt Ihren Artikel zur LitBlog Convention zu lesen, da er nicht online auffindbar ist, sondern nur in der gedruckten FAZ. Was heißt es schon heutzutage im Internet zu veröffentlichen? Natürlich will man nicht jeden Menschen damit erreichen. Denn Zeitung lesen, vor allem eine, die sich nicht jeder leisten kann, ist ja heutzutage etwas Elitäres. Nur seriöse Menschen, die seriöse Literatur lesen und seriöse Kritik schreiben - die sollten erreicht werden! 

Dazu gehören natürlich nicht die Literaturblogger. Welche Ahnung haben Sie schon von Literatur? Sie "rutschen nur durch den Bestsellerschlamm", das für Sie keine seriöse Literatur darstellt, und schreiben/sprechen ihre Meinung aus, die für Sie keine seriöse Literaturkritik darstellt. Am schlimmsten ist es ja noch, dass es sich um weibliche Literaturblogger handelt, deren Horizont nur so weit reicht wie der Spanier-Plot. Jugendliteratur hat schließlich keinen Inhalt, sondern beruht nur auf eine Formel, die ständig kopiert wird - die Handlung steht im Vordergrund, weil - oh Schande! - es verboten ist, dass seriöse Literatur auch noch unterhalten kann.

Okay, Sarkasmus beiseite. Tut mir leid, Herr Jungen, aber welches Recht nehmen Sie sich heraus, um so über eine Gemeinschaft zu urteilen, wenn Sie nicht mal eine Ahnung davon haben, wovon Sie reden? 

Das ist natürlich eine schwere Behauptung, aber ich kann nicht verstehen, warum Sie als Journalist sich im Recht fühlen zu entscheiden, wer seriöse Literatur liest und wer seriöse Literaturkritik schreibt. Was überhaupt 'seriös' bedeutet, denn das ist das ist das Wort, das sich in ihrer Meinung zwischen den Zeilen liest. Sie haben eine bestimmte Vorstellung von Literatur, die sich anscheinend für Sie in der LitBlog Convention nicht widergespiegelt hat - und weil andere Menschen eine andere Ansicht haben als Sie, haben sie versucht die Sache sarkastisch darzustellen, und sind dabei kläglich gescheitert.

Seriöse Literatur existiert nicht. Dieser Gedanke von "high culture", von elitärer Literatur hat sich vor 50 Jahren aufgelöst. Vielleicht sagt Ihnen Adorno etwas, der dies ähnlich kritisiert wie Sie. Sie würden sich bestimmt prima mit ihm unterhalten können.
Ich weiß nicht, was Sie unter Literatur verstehen. Vielleicht Thomas Mann. Vielleicht Samuel Beckett oder Charles Baudelaire. Fest steht, dass sie diese - Ihre Literatur - für etwas Besseres erachten, genauso wie Ihre Meinung, die mehr Gewicht haben sollte, weil Sie vielleicht einen Abschluss in Germanistik gemacht haben, oder was auch immer. (Pardon, ich habe mir nicht die Mühe gemacht, mehr über Sie herauszufinden.)

Tut mir leid, aber seitdem Bücher zu einem Konsumprodukt geworden sind, die in Massen hergestellt werden, sodass sie jedem auf der Welt zugänglich geworden sind, existieren die elitären Literaturkritiker nicht mehr. Denn jeder, der Zugang zu den Büchern hat, jeder, der heutzutage ein Medium hat - wie Youtube, Facebook, Blogs - ist imstande, Literatur - egal in welcher Erscheinungsform - zu kritisieren. Was schert mich, was Herr so-und-so darüber gesagt hat? Was macht befähigt ihn dazu, dass ich seine Meinung über meine stelle? Richtig, nichts. Niemand kann darüber bestimmen, was ich als seriös erachte, welche Literatur ich lesen möchte und wie ich sie zum Ausdruck bringen möchte. 

Es gibt kein Rezept zu wie man seriöse Literatur schreibt. Nur, weil bestimmte Kreise denken, sie stünden in der besonderen Position zu entscheiden, was "richtige" Literatur ist und was nicht (wie Sie, wie es mir scheint), heißt es nicht, dass Sie im Recht sind. Ich stelle mich auch nicht hin und behaupte, was ich denke wäre für alle wichtig, nur weil ich Literatur studiere. Warum sollten Sie das tun?

Literatur verändert sich. Mir scheint es, dass Sie im Modernismus des 20. Jahrhunderts gefangen sind, denn Sie denken Sie können entscheiden, wie die Welt Literatur zu erachten hat. Wir leben aber im 21. Jahrhundert. Jugendbücher sind nun einmal populär und das nicht ohne Grund. Die jungen Menschen treiben sich auf sozialen Netzwerken herum, womit Sie vielleicht auch anfangen sollten. Denn im Gegensatz zu Ihrer FAZ haben Internet-Kanäle viel mehr Einfluss, als Sie sich vorstellen können. Diese Menschen tun, was Ihnen gefällt. Diese Menschen haben Recht dazu. Sie haben das Recht, darüber zu reden. Und nur weil Sie nicht verstehen, wie eine jüngere Generation als die, zu der Sie angehören, funktioniert, sollten Sie vielleicht - statt mit unreifen Bemerkungen auf Sie loszugehen - versuchen, Sie zu verstehen.

Und bitte, bilden Sie sich. So ein Sexismus den Sie gegen junge Mädchen betreiben macht Sie zu einem Fossil im 21. Jahrhundert.

Kommentare:

  1. Liebe Sanne,

    danke für diesen unterhaltsamen, ehrlichen Post mit einer tollen Aussage.
    Ich weiß zwar nicht, auf was für einen Artikel du dich beziehst (da er ja leider nicht im Internet abrufbar ist ......), habe aber mal einen ähnlichen von der "Zeit" gelesen, und da schon überlegt, ob ich mich aufregen oder das lustig finden soll.
    Dein Post verbindet gekonnt beides. ^^

    Hm, was könnte ich also schreiben, ohne dich zu wiederholen?
    Blogger kritisieren Jugendliteratur, die sie lesen, und helfen damit anderen Bloggern, die meist - Überraschung - auch Jugendliteratur lesen. Und sprechen Empfehlungen oder eben abratende Worte aus. Auf seriöse Art und Weise, weil sie ihre Meinung mehr und mehr nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv darlegen.
    Wenn wir jetzt von der Literatur selbst sprechen, so wage ich mal die Behauptung aufzustellen, dass Jugendliteratur ziemlich komplex geworden ist, weil die Anforderungen steigen. Z.T. tiefgründiger als Chick-Lit (wobei ich das kaum lese, aber anhand der Beispielexemplare und Klappentexte mal darauf schließe, nenn es unseriös ^^), durchdacht wie Thriller (die ich noch weniger lese ergo wo meine Aussage noch mehr auf Klappentexten beruht, beschrei mich als unseriös) und komplex wie Fantasy (wobei da die Grenzen fließend sind). Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Davon gibt es hier einige. Anyway.
    Dass die Sprache wenig herausragend und der Aufbau manchmal doch nicht soo komplex wirkt, liegt daran, dass es in erster Linie unterhalten soll. Dass zu erreichen, kann weitaus schwieriger sein, als irgendeinen künstlerisch wertvollen Text zu schreiben, bei der Interpunktion und Großschreibung gemeinsam mit Sinn und Verstand über den Haufen geworfen werden. Denn Unterhalten bedeutet, Massen zu erreichen und zu begeistern. Mit Charakteren und Handlung zu fesseln, mitzureißen und zu überraschen, den Leser mitfühlen zu lassen und IHN DAS BUCH MÖGEN ZU LASSEN. Also, den Großteil der Leser. Das ist verdammt schwer.
    Zudem vertritt auch Jugendliteratur, und insbesondere Dystopien, Gesellschaftskritik - ich nehme mal an, das macht sie besonders zu seriöser Literatur, denn was ist seriöser als Gesellschaftskritik?

    Jetzt habe ich doch mehr geschrieben, als ich wollte. xD
    Netter Artikel. Und toller Post dazu. ^^

    Alles Liebe ♥

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    1. Puh, der Beitrag ist schon eine Weile her, aber ich kam einfach noch nicht dazu auf die Kommentare zu antworten. Großes Sorry!

      Ich denke, das Hauptproblem war, dass Herr Jungen nicht über seinen Tellerrand hinweg schauen und nicht begreift, dass Jugendliche die heutige Literatur tragen. Mir ist außerdem in seinen Beschreibungen aufgefallen, dass er extrem frauenfeindlich reagiert hat und die "Fangirls" als gehirnlosen Mob degradiert hat (frei zitiert). Wie du auch schon sagst, besonders "Chick-Lit" - das allein schon diesen ge-genderten Namen hat (es gibt ja kein Guy-Lit, oder?) - ist davon betroffen. Warum ist Chick-Lit unseriös - weil es pure Unterhaltungsliteratur mit Romanzen für Frauen ist? Ich finde, man kann einfach nicht mit dem Kriterium "seriös" an Literatur herangehen, weil es nicht mehr funktioniert. Dieser Aspekt hat sich in den letzten vierzig, fünfzig Jahren aufgelöst. Ich möchte da auch nicht ins Detail gehen (Literaturgeschichte :D), aber ich finde es herrlich amüsant, dass es immer noch Leute gibt wie Herr Jungen, die sich als Literaturkenner und -kritiker schimpfen. Seitdem das Buch ein Massenprodukt geworden ist, das jedem zugänglich geworden ist, ist JEDER ein Literaturkritiker, der eine Meinung über das Buch hat. Es gibt keine "Qualifikation". Diese ist nur eine Illusion, in der auch Herr Jungen lebt.
      (Erinnert mich ein wenig an die Fußballprofis, die nach jedem Deutschland Spiel ins Studio kommen und über das Fußballspiel reden, als wäre es irgendwie relevant, dass man ihnen zuhört, weil sie "Kenner" sind. Danke, ich brauche keine Erklärungen, ich habe das Spiel selbst gesehen.)

      Meine Aussage war einfach, dass der Begriff "seriös" auf Literatur nicht anwendbar ist. Egal, welcher Inhalt. Bücher haben heutzutage mehrere Zugangsmöglichkeiten, für Menschen jeder Art. "Gute" Literatur ist hingegen subjektiv, und jeder kann für sich entscheiden was gut ist, oder nicht.

      LG ♥

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  2. Guten Morgen

    Ich kann nur eines dazu sagen: Ich unterstütze jedes Wort von deinem Post!
    Ich bin gestern nur per Zufall über den Artikel gestolpert, den du hier erwähnst, da eine Booktuberin ihn auf Facebook gepostet hat und konnte nur den Kopf schütteln. Mich erinnert dieser Artikel an einen, der letztes Jahr, ich glaube im Herbst, ähnliche Töne aufwies. Es wird wohl leider immer wieder Menschen geben, die nicht verstehen wollen, was du in deinem Post schön wieder gibst: Wir können alle selbst entscheiden, was wir als 'seriös' finden und was wir lesen möchten.
    Und ja, die Bücher, die so gehypt werden, haben das sicherlich auf die ein oder andere Art verdient. Ich lese nicht alle Bücher, die so im Fokus stehen, weil mich das oft abschreckt. Aber jeder soll lesen, was er will und was ihm persönlich gefällt. Und wenn er dazu seine Meinung kundtun will, egal ob auf einem Blog, Facebook oder Youtube, dann soll er das gerne tun und seine Freude oder auch seinen Ärger über das Buch mit lesebegeisterten Menschen teilen.

    Liebe Grüsse
    Sabs

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    1. Du hast recht, es wird immer wieder solche Menschen geben. Ich bin nur froh, dass unsere Generation die wenigsten davon aufweist (es gibt immer versnobbte Literaturliebhaber) und nicht versuchen wird überholte Standards auf (post)moderne Zeiten anzuwenden.
      Mir geht es ähnlich. Ich bin immer skeptisch gegenüber Hypes, aber ich lese die Bücher meistens, um mir selbst ein Bild darüber zu machen - solange das Buch irgendeinen Reiz hat. Man muss ja nicht auf jeden Zug aufsteigen.
      Sehe ich genauso! Jeder hat das Recht, egal in welcher Form, seine Meinung zu verbreiten - Bücher zu beurteilen ist eben subjektiv.

      LG ♥

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