Samstag, 17. September 2016

Rezension: And I Darken


Worum geht's?

Lada und ihr Bruder Radu werden von ihrem Vater an den Hof des Osmanischen Reichs abgegeben, damit ihre Heimat, die Walachei, gesichert werden kann. Fortan werden die Geschwister im Sinne des Sultans und des Islams erzogen. Lada weigert sich jedoch ihre Heimat und ihre Werte abzulegen und kämpft gegen jeden, der über sie bestimmen will. Doch dann lernen beide Mehmed kennen, einer der Söhne des Sultans, Lada und Radu werden zu Rivalen und Lada muss sich entscheiden, welchen Weg sie gehen will: Der für sie bestimmt ist, oder den sie bestimmt.


Meine Meinung

Was wir vor uns haben ist ein historischer Roman, mit dem Unterschied, dass die historische Figur - in dem Fall Vlad II. Draculea oder auch Vlad der Pfähler genannt - in dieser Version als eine Frau auf die Welt kommt. Ihr kennt ihn vielleicht dadurch, dass er Bram Stokers Roman "Dracula" inspiriert hat. Das ist Lada. Gegeben der Tatsache, dass die Geschichte im 15. Jahrhundert ansiedelt, hat Lada es als Mädchen dementsprechend schwer und versucht alles, um ihren Vater zu beeindrucken und zu zeigen, dass sie brutaler, gemeiner und furchtloser sein kann als jeder andere Mann. Im Gegenzug ihr ist ihr Bruder Radu eher von zarter Persönlichkeit und punktet vor allem mit bezaubernden Charme und gutem Aussehen. Die Geschichte wird aus beiden Sichten erzählt, und jeder Handlungsstrang zeigt auf, wie beide Geschwister es schaffen auf dem Hof des Sultans an Macht zu gelangen.

Man muss ganz anders an das Buch herangehen, als man vermutet. Allein Worte wie "Prinzessin", die in der originalen Inhaltsangabe fallen, rufen völlig falsche Assoziationen und Erwartungen hervor. Zwar habe ich nicht bekommen was ich erwartet habe, aber ich bin sehr froh darüber, denn ich habe etwas viel Besseres entdeckt! 
Tatsächlich ist dieses Buch nicht auf die Handlung, sondern auf die Charaktere fokussiert. Wir begleiten Lada und Radu von ihrer Geburt bis zu ihrer Jugend und erleben die Charakterentwicklung hautnah mit. Dadurch, dass wir sie über so viele Jahre begleiten schafft die Autorin damit geschickt, dass man unmittelbar an den Gefühlen beteiligt ist. Wenn Lada wütend war, war ich auch wütend, wenn sie sich verraten gefühlt hat, war ich gleichermaßen entsetzt! Man muss sich am Anfang ein wenig einfinden, vor allem wenn man den geschichtlichen Kontext nicht kennt und die Autorin sich sehr viel Zeit lässt um die Welt aufzubauen. Aber sobald man weiß, mit welchem Tempo das Buch voranschreitet (es ist ein mäßiges Tempo!) kann man sich auch vollständig auf die Geschichte einlassen. 

Im Zentrum der Geschichte steht die Beziehung zwischen Lada und Radu. Beide sind so gegensätzlich wie es nur geht. Lada ist brutal, furchtlos und kalt - sie ist der Kopf; Radu ist sanft, ängstlich und warm - er ist das Herz. Trotz ihrer unterschiedlichen Pole passen sie aufeinander auf und halten sich den Rücken frei. Als sie ihrer Heimat entrissen werden erkennen sie die wahre Heimat in dem jeweilig anderen, was die Autorin auch anhand der beiden Sichtweisen wundervoll illustriert, sodass der Leser die Fürsorge, egal wie die Charaktere sie zeigen, stets nachvollziehen kann. Erste richtige Konflikte entstehen, als Radu den osmanischen Hof als sein Zuhause ansieht und zum Islam konvertieren möchte. Lada kann sich mit dem Gedanken überhaupt nicht anfreunden, da sie sich mit der Walachei verbunden fühlt. Der Glaubenskonflikt wird sichtbar auf die Geschwisterbeziehung übertragen und ich applaudiere der Autorin sich einem komplexen Thema wie diesem angenommen zu haben!
Ihre Loyalität wird weiter aufs Spiel gesetzt als Mehmed auf die Bildoberfläche tritt, mit dem sich beide anfreunden, aber zu dem sie später auch romantisches Interesse entwickeln. Auch als sie zu Rivalen werden und mit Eifersucht und Neid konfrontiert werden, steht die Liebesgeschichte nie im Vordergrund, sondern die Geschwisterbeziehung zwischen Lada und Radu. Ich muss sagen, dass ich diese Konstellation erfrischend fand - eine Dreiecksbeziehung, bei der es ausnahmsweise nicht darum geht, wer wen bekommt, sondern, wie die Geschwister damit klarkommen. Themen wie Sexualität spielen auch wunderbar mit ein (siehe übernächster Absatz).

Das Setting - die Türkei im 15. Jahrhundert - wurde sehr, sehr gründlich recherchiert, was an den authentischen Beschreibungen zu erkennen ist. Von der Architektur bis hin zur Gesellschaft und historischen Figuren wie auch ihre Interaktionen - fiktiv, aber wenn man den Kontext kennt, realistisch. Der Islam spielt selbstverständlich eine entscheidende Rolle, nicht nur für den Ort, sondern auch für die Charaktere was ihren Glauben und ihre Motivation anbelangt. Da Lada orthodox ist werden auch die verschiedenen Glaubensansichten konfrontiert und herausgefordert, was ich großartig fand, denn Religion - vor allem nicht-christliche - werden sehr selten wenn überhaupt in Jugendbüchern angesprochen.

Trotz des historischen Settings wird auf keine Weise auf Repräsentation verzichtet. Selbstverständlich besteht der Cast - mit Ausnahme von Lada und Radu - von Muslimen aus dem mittleren Osten, wir haben einen schwulen Hauptcharakter, der auch seine Sexualität auslebt (zumindest soweit er kann), und wir wissen auch von anderen, nicht-heterosexuellen Charakteren. Feministische Themen fließen ein, die vor allem durch Lada repräsentiert werden. Sie weigert sich bestimmte Geschlechtszuordnungen zu erfüllen, sei es das Aussehen oder Herrschertitel (an einem Punkt meinte Mehmed zu Lada, nur Prinzen könnten über die Walachei herrschen, da meinte Lada, "Dann mach mich zu einem Prinzen", nicht "zu einer Prinzessin"). Sie stellt Mehmed die Frage, was denn ein Ehemann tun kann, um auch die Frau glücklich zu machen und nicht nur anders herum. Sie kritisiert auch seine Entscheidung, den Harem zu besuchen (wie er es nennt "seine Pflicht zu erfüllen") und ob er dann nur auf seine eigenen Bedürfnisse achtet, etc. Viele Gesellschaftsnormen werden in Frage gestellt, aber es wirkt nicht zu modern, sondern durch Ladas rebellischen und bestimmten Charakter sogar authentisch und nachvollziehbar. Lada ist aber bei weitem nicht der einzige Charakter, der feministische Züge aufweist (was mich sehr glücklich gemacht hat).

Kiersten Whites Schreibstil ist flüssig, metaphorisch, detailliert und präzise. Sie wählt treffende Worte und vermittelt Gefühle und Atmosphäre damit sofort, sodass sich das Lesen fast wie eine Zeitreise anfühlt. Es ist als würde man selbst durch den Palast wandern, in den reichen Gärten sitzen oder auf einer Hochzeit tanzen. Auch wenn ich lange für das Buch gebraucht habe, so konnte es mich binnen weniger Sekunden wieder vollkommen einnehmen, sodass ich viele Seiten am Stück gelesen habe, was auch daran liegt, dass White vor allem durch das Innenleben der Charaktere, kombiniert mit äußeren Konflikten, einzigartige Spannung entstehen lässt, die einen nicht loslassen mag.

Fazit


"And I Darken" hat mich überrascht, denn es hat meine Erwartungen nicht erfüllt, es hat sie übertroffen. Das Buch ist nicht nach dem typischen YA-Rezept mit einer "badass" Protagonistin konzipiert, in der sie die Welt retten muss und nebenher einen romantischen Subplot zu bewältigen hat. Es nutzt den historischen Kontext um moderne Themen wie Sexualität, Gleichberechtigung und Glaubenskonflikte darzustellen und nimmt typische Plotmittel um eine fesselnde, einzigartige Geschichte zu erzählen. Das Buch punktet vor allem wegen seinem Fokus auf das Innenleben der Charaktere und deren Charakterentwicklung, die glaubhaft und emotional den Leser mitfiebern lässt. Dabei lässt die Autorin das historische Setting aufblühen, wodurch ihre gründliche Recherche und das Verständnis gegenüber den Themen, die sie sich annimmt, zeigen. Eine spannende, charakter-orientierte Geschichte, die es definitiv verdient gelesen zu werden - alleine um zu erfahren, wann Lada zum "Vlad den Pfähler" wird.

The Conquerer's Saga
And I Darken (2016)
Untitled #2 (voraussichtlich 2017)
Untitled #3 (voraussichtlich 2018)
  • Titel: And I Darken
  • Autor: Kierste White
  • Verlag: Delacorte (US), Corgi Childrens (UK)
  • Seiten: 475
  • Englisch-Schwierigkeitsgrad: Mittel
  • Erhältlich in jedem Format
  • Amazon | Goodreads | Kiersten White

Kommentare:

  1. Das hört sich unglaublich spannend an! Ich war selten so sehr von einer Rezension gefesselt - man spürt deine Begeisterung für das Buch in jedem Absatz.
    Du hast mich definitiv noch einmal neugieriger auf das Buch gemacht - ich weiß noch nicht, ob ich mir das thematisch zutrauen kann. Ich habe manchmal einfach das Gefühl, ich könnte die Komplexität mancher Bücher - ganz besonders bei historischen Romanen - nicht ganz erfassen. Aber ich werde das Buch definitiv im Hinterkopf behalten. (Im Moment gibt es sowieso viel zu viele gute Bücher, die gerade erschienen sind oder demnächst erscheinen.)
    Viele liebe Grüße und ein schönes Restwochenende!

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    1. Danke dir. :)
      Ich finde, dafür, dass der Roman komplexe Themen anspricht, kommt die Message sehr klar rüber. Da bin ich mir sicher, dass du dir den Kopf nicht so darüber zerbrechen musst. Ich kann das Buch auf jeden Fall nur wärmstens empfehlen!

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  2. Hallo liebe Sanne,

    eine tolle Rezension!

    Ich habe von der Autorin ihre Paranormalcy-Reihe gelesen und bin vermutlich so mal bei diesem Buch gelandet, mit jedem Satz deiner Rezension wird deutlicher, wie krass der Unterschied zwischen der pinken, girligen, aber äußerst witzigen YA-Fantasy-Reihe und diesem Buch ist.
    Ein Buch der Autorin zu suchen, dass mich wieder mit dem Schreibstil zum Lachen bringen kann, wäre also gescheitert. Dennoch weckt gerade deine Rezension immer mehr mein Interesse. Gerade Lada als Charakter fasziniert mich unheimlich, und infolge deiner gelungenen Begründungen habe ich jetzt definitiv Lust, dieses Buch zu lesen.

    Liebe Grüße ♥♥

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    1. Danke! :)
      Ich freue mich darüber, dass ich das Interesse an das Buch vergrößere! Ihre andere Reihe kenne ich leider nicht (habe auch erst im Nachhinein erfahren, dass sie schon welche geschrieben hatte), aber ich kann dir auf jeden Fall sagen, dass hier ein anderer Ton herrscht als in einem "girligen" YA Buch! :D
      Ich find Lada ist auch echt ein Fall für sich. Auf jeden Fall trifft man solche Charaktere nicht immer in YA an!

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  3. Hach, das klingt wirklich klasse. Die Idee des Buches hatte mich zuvor schon begeistert, aber jetzt ist gerade die Aufregung wieder da. :'D Hab das Buch auch schon zu Hause (im schicken UK-Cover, ich hoffe, dass sie das Design nicht zwischendurch ändern!), aber werd es wohl nicht gleich lesen können ... aber dann wird's ja schöner, wenn ich dann endlich dazu komme.

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    1. Find das UK Cover auch viel passender! Wobei ich es eigentlich in Hardcover besitzen möchte, aber das ist das mit dem Schwert und den Blüten.. hmpf :D Freu dich auf jeden Fall auf etwas! <3

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  4. Vielen Dank <3
    Ich werde am Nano teilnehmen - ist quasi schon Tradition (mein sechstes Mal). Ich liebe die Nano-Atmosphäre einfach.
    Aber ich kann dich gut verstehen - ich stecke auch inmitten eines Projekts, aber das werde ich für den Nano pausieren (müssen). Langsam sollte mir auch einmal eine Idee einfallen... hach. :D
    Viele Grüße, Isabella

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    1. Ich mag es auch total und freu mich auch schon auf die Power-Writing Sessions! Wir sollten uns dann unbedingt austauschen <3

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