Sonntag, 11. Dezember 2016

Diversität? Repräsentation? Braucht das jemand?!


In der vergangenen Woche hat Goodreads seine Gewinner für die Goodreads Choice Awards 2016 bekannt gegeben, und wie es immer so ist bei Büchern, fallen die Reaktionen und Meinungen dazu unterschiedlich aus. So bin ich persönlich unglücklich über die Gewinner in zwei Kategorien und habe - wie ich es immer tue - meine Meinung auf Twitter kundgetan. Einerseits stimmte man mir zu, andererseits nicht. Das ist auch vollkommen okay. Jeder hat seinen Favoriten. Aber ich möchte hier näher darauf eingehen, was die Ergebnisse für mich bedeuten - und vielleicht für ein paar andere.

Dass die Goodreads Choice Awards nach Popularität läuft und nicht wirklich nach der Qualität der Bücher, ist dieses Jahr noch deutlicher geworden. Aber um die narrative Qualität soll es hier auch nicht so großartig gehen. Darüber kann man sich nämlich unendlich streiten und ich mag auch nicht die Büchse der Pandora öffnen. Viel mehr geht es mir um die Dinge die zwischen den Zeilen stehen.

Seit einer Weile werden die Stimmen der "Minoritäten" immer lauter, und das zurecht. Diese Stimmen äußern auch Kritik an die Popkultur. Stichwort: Diversität, Repräsentation, Sichtbarkeit. Minoritäten wollen sich in den Medien repräsentiert sehen, und zwar richtig und nicht durch diskriminierende Stereotypen. Sie möchten sich mit den fiktionalen Figuren identifizieren können, aber da nicht jeder heterosexuell, weiß und körperlich unbeeinträchtigt ist, kann das durchaus schwierig werden. Deswegen wollen sie Diversität.

Was ist überhaupt "Diversität"? Den Begriff kann man in verschiedene Dimensionen teilen, aber im Grunde bedeutet Diversität die Vielfalt von Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, physische Fähigkeiten, ethnische Zugehörigkeit und Religion/Weltanschauung (Charta der Vielfalt 2011). Diejenigen, die nicht in die "gesellschaftliche Norm" des Westens passen - sagen wir plump diejenigen, die nicht weiß, männlich, heterosexuell, körperlich gesund und dem Christentum angehören - sind sozusagen die Minoritäten. Dabei sind vor allem die Stimmen der People of Colour und der LGBTQIA+ Community am lautesten und sich für ihre Repräsentation einsetzen.

Auch ich gehöre - abgesehen von meinem Geschlecht - zu einem Teil der "Minoritäten", weshalb ich vermutlich verstärkt auf Diversität achte. (Es ist aber auch nichts falsch daran, zur Mehrheit zu gehören und trotzdem Diversität zu unterstützen.) Auch wenn es mich früher nicht interessiert hat, wer wie in den Büchern/Serien vorkommt, so hat sich meine Perspektive auf Geschichten mittlerweile verändert und wurde facettenreicher. Ich suche verstärkt nach Büchern und Serien, die vielfältig sind. Ich möchte verschiedene Kulturen und Ethnien, wie auch sexuelle Orientierungen repräsentiert sehen. Warum? Weil die Realität mindestens genauso vielfältig ist. Das hat nicht wirklich etwas mit politischer Einstellung zu tun. Eigentlich ist mein Grund ziemlich egoistisch. Ich will mich in den Medien einfach gerecht widergespiegelt sehen.

Was hat das denn mit den Goodreads Choice Awards zu tun? Dort geht es mir um eine bestimmte Kategorie, nämlich "Young Adult Fantasy". In dieser Kategorie hat A Court of Mist and Fury von Sarah J. Maas den ersten Platz gemacht. Ich habe allerdings für Crooked Kingdom von Leigh Bardugo gestimmt. Zu einem, weil ich das Buch gelesen habe (logisch für mich - aber viele Leute stimmen ja auch ab, ohne die Bücher gelesen zu haben... Popularität des Autors und so). Zum anderen, weil es einer der besten Bücher ist, die ich dieses Jahr gelesen habe. Zum dritten, weil der Sieg dieses Buches ein Zeichen gesetzt hätte.

Ich möchte nicht in Sarah J. Maas' Buch herum stochern und sagen "aber da hätte die Maas in puncto Diversität wirklich etwas besser machen können!" Wie schon in Twitter diskutiert, muss man gleich nicht ein ganzes Buch verurteilen, nur weil es in Sachen Diversität schlechter abschneidet als andere. Darum geht es hier nicht. Ich verstehe, dass Maas eine populäre Autorin ist und irgendetwas richtig machen muss, sonst wäre das nicht so. Ich finde aber trotzdem, dass der Sieg von Crooked Kingdom besser gewesen wäre. Und das sage ich nicht als Leigh Bardugo Fan.
I didn’t set out to check off boxes in terms of race or sexuality, but my peer group isn’t all white cis het able-bodied people, so it would have been deeply weird for me to build Kaz’s crew that way(Bardugo 2016)
Damit beschreibt Bardugo eigentlich das, was Diversität ausmacht. Von ihrer Erfahrung her sind nicht alle Menschen gleich und genau diese Realität porträtiert sie in ihren Büchern. 
“I keep picturing Kaz as an old man with his cane! Lol.” Or they’ll say, “Why doesn’t Kaz have Nina heal his leg?” and it gets me really riled. So I wrote that anger into Crooked Kingdom. I want people to understand exactly why Kaz has never chosen to be healed by magical means, and I want them to understand exactly how the way Kaz deals with his physical disability makes him stronger and more dangerous. (Bardugo 2016) 
Bardugo beschreibt selbst, warum die Sichtbarkeit von Minoriäten so wichtig ist. Es gibt sie. Man kann Leute nicht einfach von einer Behinderung heilen. Anzunehmen, dass sie es tun sollten ist auch ziemlich ignorant, eigentlich diskriminierend. Aber gerade dieser Gedankengang ist das Problem und der Grund, warum man Behinderungen - und alle anderen Aspekte der Diversität - mehr Ausdrucksfläche bekommen sollen. Es gibt keine "Norm" - es gibt nur die Realität, und die sieht so nun mal aus.

Es gibt immer noch zu viele Leute, die das nicht verstehen.

Ich möchte und kann auch nicht in allen Einzelheiten auf alle Punkte der Diversität in der Six of Crows-Reihe eingehen. Denn Bardugo hat tatsächlich alle oben genannten Punkte eingearbeitet, was das Buch, natürlich, sehr vielfältig macht.* Gerade Kaz als behinderten Protagonisten, genauso wie Wylan, der unter Dyslexie leidet, setzen ein positives (!) Beispiel dafür, dass nicht alle männlichen Protagonisten stark und körperlich unbeeinträchtigt (und damit sehr männlich - Edit: "sehr männlich" im Sinne der normativen Empfindung von Männlichkeit, die von der Gesellschaft vorgegeben ist) sein müssen, und das das auch noch erfolgreich sein kann. 

Na ja, fast erfolgreich. Für die Goodreads Choice Awards hat es ja nicht gereicht. Was sehr schade ist, denn genau solche Plattformen zeigen Leuten, die die Macht haben, Bücher an die Masse zu bringen, was die Masse überhaupt will. Und wenn ich schon wieder ein Buch sehe, in der es um eine heterosexuelle Beziehung unter weißen Charakteren geht, in der alle anderen Punkte der Diversität ignoriert werden - egal wie gut die Geschichte sein mag - macht mich das traurig.

Ich möchte damit den Leuten den Sieg ihrer Lieblingsbücher nicht kaputt machen. Aber für mich war es nicht der richtige Sieg. Es war nicht der Schritt nach vorne, der für mich hätte da sein sollen. Natürlich muss man nicht jeden Zentimeter nach Diversität in einem Buch absuchen, aber es wird immer deutlicher, dass Diversität eine Plattform braucht - eine, die auch bewirken kann, dass genau solche Bücher mehr Platz und Sichtbarkeit auf dem Markt** finden.

Hiermit also die Antwort auf meine Frage: Ja. Diversität, Repräsentation und Sichtbarkeit. Das braucht nicht nur jemand, sondern viele. Und das sollte ernst genommen werden.

* Die Darstellung von behinderten Charakteren nehme ich nur als Beispiel für diesen Post. Natürlich hätte ich auch auf die Darstellung von sexuellen Orientierungen und Ethnien eingehen können, da Bardugo diese in ihren Büchern eingearbeitet hat. Aber dann wäre dieser Post viel zu lang. :D

** Damit ist natürlich der Markt im angloamerikanischen Raum gemeint. Da aber in Deutschland viele Lizenzen aus dem Ausland gekauft und bei uns zu Lande an den Markt gebracht werden, hat das natürlich auch einen Einfluss auf uns.

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Kommentare:

  1. Das ist wirklich ein toller Post, der auch meine Meinung zu 100% auf den Punkt bringt. Zwar gehöre ich selber nicht diesen "Minderheiten" an, aber ich bekomme auch immer mehr Wind, von diesem "Wunsch nach Umschwung" und finde es unendlich schade, dass die meisten Leser (noch immer) auf dieser "Mainstream-Welle" mitschwimmen, statt mal etwas anderen Büchern/Charakteren eine Chance zu geben. Six of Crows/Crooked Kingdom habe ich übrigens auch geliebt! Ich verstehe leider nicht, wieso es die immer gleichen Stereotypen sind, die "gewinnen", sei es Awards oder eben Leserherzen. Amen zu deinen Worten :-D

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    1. Ich verstehe es leider auch nicht! Deshalb finde ich, müssen wir als Leser härter daran arbeiten, diverse Bücher in den Vordergrund zu rücken in dem wir sie lesen und über sie berichten. Autoren haben natürlich auch eine Verantwortung, aber wenn Verleger sehen, dass wir "andere" Geschichten wollen, dann werden die Autoren es auch leichter haben, vielfältige Geschichten durchzubringen. Ich finde es super, dass sich immer mehr Leser dafür einsetzen und hoffentlich wird es dadurch auch zum "Mainstream" :)

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  2. Interessanter Post, dem ich weitgehend zustimme, wobei es bei mir eine Grenze gibt. Diese ist erreicht, wenn der Autor quasi mit einem Schild "ICH BIN TOLERANT DIESES BUCH IST TOLERANT SEI TOLERANT VERDAMMT" vor meinem Auge herumfuchtelt, weil gefühlt jeder zweite Charakter homosexuell ist oder sonst irgendeiner Minderheit angehört, wodurch die dann zumindest in der Gesellschaft auch keine Minderheit mehr wären. Es nervt mich, wenn es zu offensichtlich wird, weil Toleranz nicht bedeutet, darauf hinweisen zu müssen. Toleranz bedeutet, einfach tolerant zu sein.
    Aber Diversität im authentischen Rahmen, der unsere Gesellschaft widerspiegeln würde? Tatsächlich zu wenig. Ich hab letztens erst einen Post gelesen, der thematisiert, wie wenig Brillenträger(innen) es doch gibt. Mir fiel da auf Anhieb nur "Nacht ohne Sterne" (Gesa Schwartz) ein. Also neben "Harry Potter". Aber traurig, dass einem sowas auffällt.
    Bei "Unsterblich"/"Blood of Eden" von Julie Kagawa habe ich mich gefreut, dass die Protagonistin mal ein asiatisches Aussehen hat.
    Ich finds auch immer cool, wenn ein Charakter mal so by the way homosexuell ist. Einfach, um zu zeigen, wie normal das eigentlich ist. Ohne den leider immer noch existierenden gesellschaftlichen Konflikt aus den Augen zu verlieren.

    "Six of Crows" will ich im Übrigen noch lesen. ^^

    Liebe Grüße
    Dana ♥

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    1. So ein Fall ist mir, um ehrlich zu sein, nie untergekommen. Natürlich haben Autoren über Diversität in ihren Büchern geredet, aber sie haben auch begründet, warum sie es so wichtig finden. Und um ehrlich zu sein finde ich es nicht schlimm, wenn es in einem Buch mal keinen heterosexuellen Charakter gibt - es gibt so viele Seuxalitäten, und wenn der dann mal fehlt, dann ist es meiner Meinung nach nicht tragisch - es gibt ja genügend "Ausgleich", und den wird es immer geben.

      Ja, stimmt, Brillenträger gibt es tatsächlich wenige! Ich schätze, weil es einfach "unpraktisch" ist sich damit auseinander zu setzen. Das sollte man definitiv ändern! In "Fangirl" von Rainbow Rowell trägt die Protagonistin übrigens eine Brille, in "City of Bones" hat einer der Hauptcharaktere eine, und in "The Darkest Minds" (Die Überlebenden) von Alexandra Bracken auch jemand (sind die Beispiele, die mir einfallen).
      Ich find das auch super und solche Charaktere brauchen wir auch viel mehr - und Geschichten, wo es einfach akzeptiert wird, und der Konflikt nicht bei der Sexualität liegt.

      Liebe Grüße♥

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