Dienstag, 17. Januar 2017

Rezension: Happy End - Märchen aus der Welt des Verbrechens

Worum geht's?

"Es war einmal ein großer, böser Wolf und ein schreckliches Beast. Sie waren Erzfeinde und die Ereignisse spitzten sich zu, als beide ein mysteriöses Drachenei in ihre Klauen bekommen wollten..."
In einer Stadt, in der die Kriminalität herrscht, wollen die meisten nur überleben. Dazu gehört, dass man Jobs erledigt, die einem nicht gefallen. Wie Macy, die im Stripclub arbeitet, um ihre kranke Großmutter zu versorgen, oder James, der seine Schulden irgendwie begleichen muss, ganz zu Schweigen von der dunklen Fee, die auf der Suche nach ihrer Nachfolgerin ist. Ob sie wirklich bis ans Ende ihrer Tage glücklich leben? ...


Meine Meinung

Ich liebe Nacherzählungen von Märchen. Vor allem, wenn sie neue Perspektiven beleuchten - was hier der Fall ist. Nach Prinzessinnenkleidern und einen wahren Kuss der Liebe sucht man hier vergeblich. In "Happy End" befinden wir uns in einer kriminellen Großstadt, in der zwei Syndikate, die des Wolfs und die des Beasts, die Stadt regieren. Trotz des ungewöhnlichen Settings bleiben die Autoren den originalen Geschichten treu - mit ein paar kreativen Wendungen.

Die Anthologie beinhaltet sechs Kurzgeschichten, die aber alle in gewisser Weise zusammenhängen. Alle Wege führen zum Wolf oder zum Beast, so viel sei gesagt. Zu viel möchte ich ja auch nicht verraten!

"Straßenrennen" von David Michel Rohlmann erzählt das Märchen vom Hasen und den Igel neu. Trotz des düsteren Settings wurde der Stoff auf witzige und charmante Weise aufgegriffen. Hier wird die Welt greifbar aufgebaut, sodass ich die Skyline der Stadt regelrecht vor mir sehen konnte. Anders als bei den Steampunk-Anthologien der Autoren wird hier auch ein gleich anderer Umgangston angeschlagen, was ich gut fand und auch super ins Setting passt. Ich mochte, wie man der Beziehung zwischen dem Hasen und dem Igel Tiefgründigkeit verliehen hat. Mit dem Weltaufbau wird auch gleich der Plot einbezogen, was ich hier geschickt gemacht worden ist.

"Feenschuld" von Jonas F. Rohlmann erzählt das Märchen von einer ganz besonderen Fee. Welche das ist, will hier nicht vorwegnehmen - ich fand die Hinweise nämlich clever eingebracht und mag da gar nichts verraten. Ich fand die Umsetzung des Märchens super, auch wenn ich die Persönlichkeit des Ich-Erzählers ein wenig schwierig nachzuvollziehen fand. (Was vielleicht die Absicht ist.)

"Macy und der Wolf" von Maria Engels ist eine Nacherzählung von Rotkäppchen. Nur, dass Rotkäppchen als Stripperin arbeitet, um die Behandlung ihrer Großmutter im Krankenhaus bezahlen zu können. Diese Geschichte hat mir am besten gefallen, weil ich die Überraschungen super fand, die sie zu bieten hatte. Gleichzeitig würde ich gerne mehr über Macy erfahren, da sie trotzdem noch ein Mysterium bildet und man nur wenige Einblicke in ihr tatsächliches Innenleben bekommt.

"Welkende Rosen" von Jenny Wood wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers namens Krähe erzählt, der Gehilfe der dunklen Fee. Das Märchen von Dornröschen wird hier auf moderne Weise angegriffen, denn statt einer friedlich schlafenden Prinzessin haben wir ein Mädchen mit einem Drogenproblem, das in den Entzug muss. Ich fand dabei die Perspektive von Krähe interessant gewählt. Aber meiner Meinung nach leidet seine Persönlichkeit ein wenig darunter, dass das Beziehungsgeflecht hier im Vordergrund steht (das ich wiederum sehr spannend fand).

"C:\User\Cal>start blue light" von Maria Engels erzählt die Geschichte von einem Hacker, der für den Wolf arbeitet. Ich konnte nicht identifizieren ob er aus einem Märchen entnommen wurde - wenn ja, dann bin ich einfach nicht so Märchen-safe wie gedacht. Ich fand seine Figur großartig! Trotz seines Jobs hat er immer noch ein eigenes Ziel, und das hat mich für ihn mitfiebern lassen. Er war gefühlt der einzige "gutherzige" Charakter, aber dafür muss er auch seinen Preis zahlen... 

"Das Ei, das Kind und die Maschine" von David Michel Rohlmann bietet den Abschluss der Anthologie. Hier kommen bekannte Gesichter zusammen zu einer unerwarteten Twist, der die Karten auf dem Tisch neu mischt. Wenn man es nicht vorher war, ist man spätestens jetzt fasziniert vom Wolf. So wirklich durchschauen kann man ihn nicht, aber die Geschichten gehen noch weiter..

Die Geschichten laden dazu ein, selbst herauszufinden wie der bekannte Stoff umgesetzt wird. Es macht großen Spaß bekannte Figuren im neuen Setting wieder zu entdecken. Das ist vor allem den Schreibstilen der Autoren zu verdanken, die mit einem düsteren Humor daran gehen, ohne, dass dabei der Märchencharakter verloren geht. Die Überraschungsmomente haben auch ihren beabsichtigten Effekt und ich freue mich schon zu lesen, wie es weiter geht.

Fazit


Mit "Happy End" bekommt man vielleicht kein Happy End, aber kreative Märchennacherzählungen! Mit einem düsteren Humor gehen die Autoren an den Stoff heran und nutzen dabei das kriminelle Setting in all seinen Facetten. Es macht, wie auch in der "Monster und Maschinen"-Reihe, wahnsinnig viel Spaß die Zusammenhänge zwischen den Kurzgeschichten zu verstehen. Die Kurzgeschichten stehen zwar für sich, bilden aber im Gesamtbild eine harmonische Einheit, die Lust auf mehr macht.

Saint Falls-Reihe:
Happy End
Glass Coffin

  • Titel: Happy End: Märchen aus der Welt des Verbrechens
  • Autor: David Michel Rohlmann, Maria Engels, Jonas F. Rohlmann, Jenny Wood
  • Verlag: SP
  • Seiten: 96
  • Preis: 1,49€
  • Erhältlich als eBook

Danke an die Autoren für das Rezensionsexemplar!

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