Dienstag, 10. Januar 2017

Rezension: Schmerzflimmern


Worum geht's?

Gregor besitzt eine besondere Gabe... oder einen Fluch? Wenn er einen Menschen berührt, sieht er dessen Zukunft, und zwar die letzten Minuten seines Lebens. Dabei erlebt er die absurdesten Todesszenarien, gegen die er fast nie etwas anrichten kann. Dies prägte sein Leben gravierend und machte ihn zu einer zynischen Persönlichkeit. Er wird aus dem Alltag gerissen, als er jemand Bestimmtem begegnet - und der sein Leben auf den Kopf stellt.


Meine Meinung

Die Reise durch dieses Buch ist wie eine Achterbahnfahrt. Mal ist man verwirrt, mal schockiert, doch dann muss man schmunzeln, bis einem das Lachen doch vergeht, weil die Stimmung wieder ernster wird. Durch Gregors Erzählstimme wird ein breites Gefühlsspektrum angeboten. Seine Schilderung über die skurrilsten Todesszenen sind von einem trockenen, schwarzen Humor geprägt, bei dem man nicht anders kann, als hin und wieder zu lachen. Dass Gregor so zynisch durch das Leben geht ist dabei vollkommen nachvollziehbar. Er wird ständig mit dem Tod konfrontiert, und wenn er es nicht schafft über ihn zu lachen, bleibt ihm nicht viel übrig. 

Der Humor würde allerdings nicht mal halb so gut ohne den bildhaften Schreibstil des Autors funktionieren. Dieser lässt sich flüssig lesen, und auch wenn es mal weniger Aktion in einem Kapitel gibt, so wird es durch ihn nicht langweilig. Hilfreich sind dabei auf alle Fälle die Todesszenarien, die Gregor zu Gesicht bekommt und die zahlreichen, mit Details gestalteten Nebencharaktere, die  das urbane, eigentlich düstere Setting abrunden, aber es auch mit ein wenig Farbe versehen. Dabei sind mir besonders Mahesh und Thomas im Kopf geblieben, vielleicht, weil sie die authentischsten Charaktere für mich waren. Noch dazu kann Gregor popkulturelles Wissen aus den 80ern und 90ern vorweisen, was ihn nicht nur sympathisch macht, sondern als Leser eine schöne Bestätigung bekommt, wenn man die Referenzen denn versteht.

Der Aspekt der Zukunftsvisionen ist allerdings nicht nur ein Mittel, um den Leser zum Lachen zu bringen. Mir hat der Ansatz der Story, die der Autor hier präsentiert, sehr gefallen. Denn man fragt sich: Warum hat Gregor überhaupt diese Fähigkeit? Eine völlig klare Antwort bekommt man nicht, und wenn, dann wirft die Antwort neue Fragen auf - wie so häufig, wenn es um Zeitreisen geht und man in ein Paradoxon läuft. Da wäre ich neugierig, ob es eine Fortsetzung geben soll, weil mich dieser Teil der Geschiche am meisten beschäftigt hat.

Oft habe ich mich gefragt, warum Gregor von so vielen "Nichtigkeiten" erzählt, oder von Dingen berichtet, die er selbst für nichtig hält, aber am Ende stellt sich heraus, dass der Autor damit viele Spuren gelegt hat, die am Ende zu einem gemeinsamen Punkt führen. Dies hat mir sehr gefallen. Es erinnerte mich auch ein wenig an Chuck Palahniuks Büchern - die Spuren waren nicht so "offensichtlich" wie bei einem Krimi, bei denen man auf verschiedene Fährten gelockt wird, denn man hat ihnen nicht wirklich viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Was mir allerdings nicht so gut gefallen hat war die Geschichte mit Elise. Die Idee, dass sie eine "Ausnahme" darstellt, fand ich super. Allerdings ging es mir dann doch viel zu schnell mit der Romanze. Warum sollte sie gerade mit Gregror vom Speed-Dating "durchbrennen"? Dass Gregor auch nur nach wenigen Tagen von der großen Liebe spricht finde ich fragwürdig. Ich verstehe, dass er sie als etwas Positives in seinem sonst trostlosen Leben sieht, aber gerade, weil er auf mich eher wie ein Realist/Pessimist wirkte, tanzt die Sache mit Elise aus der Reihe, vor allem, weil er sie nur durch eine rosarote Brille sieht und sie sogar auf den Leser nahezu perfekt wirkt. Ich verstehe zwar, dass Elise durch ihre Vergangenheit aktiv und lebensfroh durch ihr Leben wirbelt, aber im Gesamtkontext ist sie ein Manic Pixie Dream Girl. Man hätte dies umgehen können, wenn man ihr ein paar Kanten und Ecken gegeben und Gregor sie als solche angesehen hätte. So wirkt ihr Charakter nämlich recht zweidimensional.

Zudem ist mir eine Formulierung ziemlich negativ aufgestoßen. An einem Punkt im ersten Kapitel vergleicht Gregor das Gesicht von seinem gegenüber mit jemanden der Down-Syndrom hat. Natürlich hat Gregor einen bissigen, schwarzen Humor, aber den Vergleich fand ich leider unangebracht - zumal Gregor ja im restlichen Buch wie ein anständiger Mensch wirkt.

Zum Cover: Es ist echt gut gelungen! Auf dem ersten Blick scheint er nicht viel über den Inhalt zu verraten (außer eben, dass es um Tod geht), aber sobald man das Buch gelesen hat und nochmal draufschaut, fallen einem die tollen Details auf.

Fazit


Mit "Schmerzflimmern" bietet Marc Kemper düster-komische Unterhaltung, die durch den selbstbewussten Schreibstil und der Detailverliebtheit gegenüber authentischen Charakteren verstärkt wird. Dabei überzeugt vor allem der schwarze Humor, aber auch der sorgfältig ineinander verwobene rote Faden, sodass der Leser am Ball bleibt. Einzig die Liebesgeschichte weist ein paar Schwächen auf, die aber den Lesespaß im Gesamtbild nicht trüben.

  • Titel: Schmerzflimmern
  • Autor: Marc Kemper
  • ISBN: 978-3743100503
  • Verlag: Book on Demand
  • Seiten: 176 Seiten
  • Preis: 9,99€ (Taschenbuch), 6,99€ (eBook)
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Danke an Marc Kemper für das Rezensionsexemplar!

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