Donnerstag, 2. Februar 2017

Rezension: Glass Coffin

Worum geht’s?

Saint Falls. Eine Stadt, belebt durch uns bekannte Märchenfiguren, wird von zwei Syndikaten umkämpft. An einer Spitze sitzt der Wolf, auf der anderen sein erbitterter Feind, das Beast. Beide haben es auf das Drachenei abgesehen, doch auch die mächtigsten Biester haben ihre Schwachstellen - und Beast will seine loswerden. Was Folgen hat…

Meine Meinung

Hiermit handelt es sich um den zweiten Teil der Märchen-Anthologie, die von Maria Engels und David M. Rohlmann herausgegeben wird. Während sich der erste Teil, „Happy End“, sich größtenteils auf die Gang des Wolfs bezieht, erhält der Leser dieses Mal einen tieferen Einblick in die Machenschaften des Beasts.

In „Diebesgut“ von Maria Engels wird sofort ein packender Einstieg geliefert. Hier erfährt der Leser mehr über die Polizeiarbeit in Saint Falls. Ich hatte mich schon im ersten Teil gefragt, was die Polizei eigentlich macht - es war keine allzu große Überraschung festzustellen, dass nicht jeder Polizist ganz sauber ist. Ich muss hier anmerken, dass die Stimmung mich stark an The Dark Knight von Christopher Nolan erinnert hat (im positiven Sinn, denn ich liebe diesen Film) - besonders die erste Szene. Mir hat der Twist sehr gut gefallen und ich fand es toll, bei den Figuren zu rätseln, wer denn ihr märchenhaftes Äquivalent ist.

„Schnee ist dicker als Blut“ von David Knospe ist eine neue Interpretation des Märchens von Schneewittchen. Mir hat die Idee super gefallen, wie auch das Spiel mit der Schnee-Metapher, als auch die moralische Grauzone, in die sich die Hauptfigur, Sarah, hinein entwickelt. Es war super spannend mal von einem Ort und einem Charakter in der Stadt zu lesen, der darauf besteht neutral zu bleiben und sich keinem Syndikat anzuschließen. Jedoch hat der Schreibstil mein Lesevergnügen etwas betrübt. Stilistisch haben die Anglizismen meiner Meinung nach überhaupt nicht gepasst, denn sie haben mich immer wieder aus der Geschichte geworfen. Zumal es die einzige Geschichte in dieser Sammlung ist, die in dieser Form Anglizismen verwendet und sie deshalb aus der Menge heraushebt und das einheitliche Gefühl, die die Anthologien sonst immer so toll gemacht haben, durchbricht.

Mit „Kälte“ von Maria Engels lernen wir Beast näher kennen. Da habe ich ganze Zeit gerätselt, um welches Märchen es sich handelt, aber bei den ganzen Hinweisen - wie zum Beispiel der unmissverständliche Name der Spelunke - handelt es sich hier weniger um ein Märchen, als um die Sage um den Fliegenden Holländer. Die ganze Herz-Sache hat mich an Fluch der Karibik erinnert (und ein bisschen an Reginas Gruft in Once Upon a Time), fand ich aber klasse (auch wenn ich mir das Beast daraufhin mit Tentakeln im Gesicht vorgestellt habe). Es ist mal etwas anderes, als die übliche Die Schöne und das Biest-Geschichte, die ich eigentlich erwartet hätte. Die Geschichte habe ich wirklich gebraucht, denn so war Beasts Charakter endlich greifbarer und man empfand sogar ein wenig Sympathie für ihn.

Bei „Haut und Haar“ von Cat Lewis handelt es sich - wenn ich mich nicht irre - um das Märchen von Rapunzel, die ironischerweise einen Friseursalon besitzt. Allerdings ist es auch sonst eine sehr freie Interpretation des Märchens. Mir hat Rory als Figur sehr gut gefallen, denn sie ist frech und sarkastisch, und braucht niemanden, der sie beschützt - wie sie betont. Die Liebesgeschichte war süß, ich hab mitgefiebert, auch wenn ich sie doch ein wenig kitschig fand. Ich mochte es, wie diese Kurzgeschichte eigentlich in fast direkter Verbindung mit „Schnee ist dicker als Blut“ stand. Sie beleuchtet die Ereignisse aus einem anderen Licht und das fand ich ganz charmant gemacht. 

Leider fiel mein bisher eher positiver Eindruck über die Anthologie mit der nächsten Geschichte ins Wasser. „Das Mädchen für tausendundeine Nacht“ von Jenny Wood erzählt das Märchen um Scheherazade neu. Da läuteten schon sämtliche Alarmglocken bei mir, weil man mit diesem Stoff in viele Fettnäpfen treten kann. Leider ist meiner Meinung nach vieles mit dieser Interpretation schief gegangen. Einerseits mochte ich die Anspielungen auf das Originalwerk (Ausrufe wie „Bei allen vierzig Räubern!“ fand ich super), andererseits hätte ich mir gewünscht, man hätte einen anderen Weg eingeschlagen, dieses Märchen nachzuerzählen. 
Ein sehr großes Problem steckt in der Beziehung zwischen Scheherezade und dem Beast, denn das Beast vergewaltigt sie - und das nicht nur einmal.
Generell bin ich der Meinung, dass grafische Darstellungen von sexualisierter Gewalt nicht in fiktive Formate gehören. Auf mich hat es den Eindruck gemacht, dass die Vergewaltigung verharmlost wird. Nach einer Rücksprache mit den Herausgebern habe ich schließlich festgestellt, dass mit der Geschichte einfach zu viel gewollt wurde. Eine Kurzgeschichte hat nun mal eine gewisse Kapazität, weshalb Aspekte, die für das Verständnis und die Sensibilität des Themas wichtig gewesen wären, vollkommen untergegangen sind. Ich könnte dazu viel mehr sagen, aber dazu reicht ein Absatz in der Rezension nicht (dazu müsste ich wahrscheinlich einen eigenen Beitrag schreiben).
Man hätte sein Ziel für diese Geschichte anders setzen können, es hätte besser gewirkt. Ich habe zudem die Herausgeber darauf hingewiesen, dass in die Beschreibung eine Trigger Warnung gehört - in dieser Kurzgeschichte wird nämlich ein gänzlich anderer Ton angeschlagen, auf den ich überhaupt nicht vorbereitet war.

Darauf folgt „Pures Glück“ von David M. Rohlmann, eine positivere Geschichte, die ich unbedingt gebraucht habe. Hans konnte mir zumindest wieder ein Schmunzeln hervorlocken. Mir gefiel die Mir-egal-was-kommt-ich-hab-sicher-Glück Einstellung und den tollen Humor, den in dieser Form nur bei David M. Rohlmann gibt. Hier werden Klischees auf den Zahn gefühlt und ich war erleichtert, wieder die witzigen Sprüche zu lesen, die meiner Meinung nach besser zur Anthologie passen, weil sie im Zusammenspiel mit dem düsteren Setting viel mehr ausmachen und vieles ausgleichen.

Als letzte Geschichte fungiert „Teufelsratschlag“ von David M. Rohlmann. Durch die vorangegangene Geschichte sind jegliche Sympathien für Beast hin und ebenso wenig habe ich mich für sein Ende interessiert. Ich mochte es aber - wie es schon üblich für die Anthologien geworden ist - zu sehen, wie alle Fäden zusammenlaufen, und wie alle Geschichten zusammenlaufen. Leider war ich hier zwischendurch verwirrt, weil die Chronologie einiger Aktionen nicht ganz stimmig waren, und das Beast schien mir plötzlich auch zu verändert, als dass ich seiner Entwicklung ganz folgen könnte. Das offene Ende bietet wieder einen Wendepunkt, denn auf einen dritten „Endboss“ war ich nicht gefasst!

Auf die gesamte Anthologie zurückblickend muss ich feststellen, dass diese in sich nicht so stimmig wirkte, wie die vorherigen Werke von Rohlmann und Engels. Die Geschichten standen viel mehr für sich und wirkten nicht mehr harmonisch zueinander. Auch schien man sich untereinander uneinig, welchen Ton man sowohl sprachlich als auch atmosphärisch einschlagen möchte, das fand ich schade, weil es den Gesamteindruck der Anthologie, mit den oben genannten Eindrücken, sehr trübt. Trotz des spannenden Endes ist meine Vorfreude für den letzten Teil leider nicht so groß wie sonst.

Fazit


Mit dem zweiten Teil der Saint Falls-Reihe gewähren die Autoren einen Blick in Beasts Machenschaften. Auch wenn hier wieder bekannte Geschichten neu erzählt werden, so weißt die Anthologie viele Schwächen auf, die leider oft das Lesevergnügen schwächen. Anders als in den Werken wirkten die Kurzgeschichten nicht aufeinander abgestimmt, denn zwischenzeitig gibt es große stilistische Unterschiede, die irritierten. Hinzu kommt die Nacherzählung der Geschichte um Scheherezade, die das Thema der Vergewaltigung nicht gerecht behandelt und einen sehr bitteren Nachgeschmack hinterlässt, der sich auf die darauffolgenden Geschichten auswirkt. Die Originalität, die mir sonst immer gut an diesen Anthologien gefiel, geht in diesem Schwachpunkten unter und ist mir leider nicht so stark aufgefallen wie vorher. Ich hätte mir gewünscht, dass man in einigen Geschichten einen anderen Weg eingeschlagen hätte, dementsprechend kann ich nur zwei Sterne geben.

Saint Falls-Reihe:
Happy End
Glass Coffin

  • Titel: Happy End: Märchen aus der Welt des Verbrechens
  • Autor: David Michel Rohlmann, Maria Engels, David Knospe, Jenny Wood
  • Verlag: SP
  • Seiten: 96
  • Preis: 1,49€
  • Erhältlich als eBook


Danke an die Herausgeber für das Rezensionsexemplar!

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