Sonntag, 23. April 2017

Rezension: Den Mund voll ungesagter Dinge


Worum geht's?

Ein simples Leben kennt Sophie nicht. Zuerst wird sie als Baby von ihrer Mutter verlassen, dann zieht ihr bester Freund zu seiner Freundin nach Frankreich, und jetzt soll sie auch noch ihr Leben in Hamburg aufgeben, weil ihr Vater aus heiterem Himmel beschließt, nach München zu ziehen, um dort mit seiner Freundin zu leben. Alle scheinen das zu bekommen was sie wollen, nur Sophie ist unglücklich. Mit der Liebe läuft es auch nicht, es gab nie einen Jungen, in den sie sich so richtig verliebt hat. Doch Alex, ihre Nachbarin, schafft es sie aus ihrer einsamen Situation zu befreien, und Sophie lernt plötzlich Gefühle kennen, die ihr völlig neu sind.

Meine Meinung

Im Rahmen der Leipziger Buchmesse hatte ich die Gelegenheit, Anne Freytags Lesung zu ihrem neuen All Age-Roman "Den Mund voll ungesagter Dinge" beizuwohnen. Bevor sie mit der eigentlichen Lesung begann, trug sie einen Essay zu ihrem Buch vor (den man hier nachlesen kann). Allein dieser war schon sehr überzeugend und dementsprechend habe ich mir nach der wirklich schönen und sympathischen Lesung das Buch gekauft - auch auf Empfehlung anderer. Hielt das Buch denn auch das, was es versprach?

Keine Frage, Anne Freytag versteht etwas von ihrem Handwerk. Nicht selten haben mir die pointierten Metaphern die Sprache verschlagen. Sie wirken, auch wenn man sich vielleicht nicht ganz in Sophies Lage versetzen kann, und umso stärker treffen sie einen, wenn man es doch kann. Viele Autoren scheitern daran, das komplizierte Innenleben eines Teenagers so darzustellen, sodass es glaubwürdig wirkt. Sophie hat mit viel Frust und Wut zu kämpfen, gleichzeitig wünscht sie sich Anerkennung und Aufmerksamkeit - was völlig normal ist für ihr Alter - aber auch Freiheit und Ruhe. Freytag schafft es in diesem Hinblick Sophie mit ihren widersprüchlichen Gefühlen greifbar und echt zu machen, dass es mir auch sehr leicht viel, große Etappen im Buch zu lesen und es erst nach längerer Zeit aus der Hand zu legen.

Die Atmosphäre hat mir auch sehr gut gefallen, die die Autorin auch durch ihre wunderbar gewählten Worte schafft. Jeder Spielort hatte seine eigene Stimmung, und es hat sehr viel Saß gemacht, Sophie auf ihrem Weg zu begleiten. Untermalt mit den kleinen Illustrationen am Kapitelanfang erkannte ich auch viele Symbole innerhalb des Textes, die noch einmal zur Gesamtwirkung der Geschichte beigetragen haben. Dazu gehören Dinge wie Kleidungsstücke oder Bücher, ganz besonders auch die Playlist, die Sophie und Alex zusammenstellen. Ich bin immer sehr gerne zurück in das Buch gekehrt, nicht zuletzt, weil alles darin sehr lebendig wirkte, neben den Hauptcharakteren auch die Nebenfiguren, die alle individuell gestaltet worden sind, was das Buch authentischer macht.

Es hat sehr viel Spaß gemacht, Sophie dabei zuzusehen, wie sie und Alex sich näher kennenlernen, und weil die Autorin sich dafür Zeit lässt, sind die Gefühle, die die beiden füreinander entwickeln, absolut nachvollziehbar. Man fiebert da mit, und mir hat gefallen, wie unterschiedlich die beiden sind. Die spannungsgeladenen Momente wie auf der Party oder bei Sophie zu Hause, als sie sich den Film ansehen, sind besonders intensiv. Allerdings fängt bei mir hier schon ein Knackpunkt an, der mir immer im Nacken saß und ich nicht ignorieren konnte. Und es hat auch etwas mit dem zu tun, was Anne Freytag in ihrem Essay ausdrückt.

Ich bewundere die Einstellung der Leute, die sagen, es sollte eigentlich egal sein, wen man liebt - und es stimmt, es ist egal. Aber jemand in diesem Alter, auf dem verschiedene Erwartungshaltungen lasten, dem ist es nicht egal. Er steht unter einem wahnsinnigen Druck 'normal' zu sein. Dieser Konflikt wird meiner Meinung nach unzureichend reflektiert. Natürlich kämpft Sophie mit sich und ihren Gefühlen zu Alex, aber dieser Konflikt wird nur auf der sexuellen Ebene ausgetragen. Die emotionalen und psychologischen Probleme (Wie erkläre ich es meinen Eltern? Wie reagieren die anderen drauf? Ist es wirklich nur eine Phase, wie alle sagen? Wieso bin ich nicht wie alle anderen?) werden ausgeklammert, was aber nicht geht, wenn man über dieses Thema schreibt. Das Coming-Out ist immer noch ein aktuelles Thema. Wir leben in (noch) keiner Gesellschaft, die - wie sie formuliert - "diesen Lebensstil" einfach so akzeptiert. Deswegen ist es notwendig, junge Menschen an dieses Thema heranzuführen, mit allen Ecken und Kanten, mit allen Selbstzweifeln - es geht eben nicht nur um Sex oder die Liebe. In ihrem Essay sagt Freytag, sie möchte jungen Menschen zeigen, dass es okay ist so zu sein wie sie sind, aber diese Message geht in dieser Lücke verloren.

Hinzu kommt, dass das Buch gegenüber Bisexuellen sehr diskriminierend ist. Ich kann nachvollziehen, dass Sophie bei diesem Thema nicht voll informiert ist, aber man hätte durchaus sensibler damit umgehen können. Sophie hat Sex mit Jungs, aber auch mit Alex. Die Manier "Männer befriedigen mich, vielleicht auch nicht, aber vielleicht stehe ich doch eher auf Frauen" klammert die Bisexualität aus - warum kommt Sophie nicht auf die Idee, dass sie sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlt? Auch dieser Aspekt wurde meiner Meinung nach einfach ausgeblendet, was aber dazu gehört, wenn man diesen Konflikt behandeln will. Wie sollen sich denn junge Menschen fühlen, die genau das gleiche durchmachen wie Sophie? Bisexuelle haben schon immer mit der Feindseligkeit zu kämpfen, dass es einfach nicht "geht" und man sich nur zu einem Geschlecht hingezogen fühlen kann, dabei sind sie doch der Beweis, dass es eben doch geht!

Wenn man beschließt über LGBT zu schreiben - selbst wenn man selbst behauptet, dass dieser Roman nicht 'LGBT' sei - dann muss man sich über die Verantwortung bewusst werden, die man damit auf sich nimmt. Man schreibt über etwas, was Menschen im tatsächlichen Leben durchmachen, und nicht jeder kann damit so leichtfertig umgehen.

Fazit



Es ist leicht, sich in "Den Mund voll ungesagter Dinge" zu verlieren. Anne Freytag schafft mit ihren Worten eine detailverliebten Atmosphäre, belebt durch einzigartige Charaktere. Dabei schafft sie es den Lesern, ein glaubwürdiges Bild eines Teenagers zu vermitteln, auch wenn in dieser Hinsicht viele Lücken sind, gegeben des Themas dieses Buches. Die Auseinandersetzung mit der Sexualität findet unzureichend statt, und zwar nur auf der sexuellen Ebene. Nach den psychologischen Folgen sucht man leider vergeblich, aber gerade die wären in der heutigen Zeit noch wichtig gewesen, vor allem aufgrund der Verantwortung, die man sich auferlegt, wenn man sich mit LGBTQIA+ befasst. Ich hätte mir gewünscht, dass die Autorin reflektierter und umfassender an dieses Thema herangegangen wäre, denn so sind die Problematik einfach zu präsent und störend, sodass ich das Buch leider nicht vollen Herzens weiterempfehlen kann.

Den Mund voll ungesagter Dinge
  • Titel: Den Mund voll ungesagter Dinge
  • Autor: Anne Freytag
  • Verlag: Heyne fliegt
  • Seiten: 399
  • Preis: 14,99€
  • Empfohlen ab: 14 Jahren
  • Erhältlich in jedem Format

Kommentare:

  1. Von dem Buch habe ich schon sehr vieles gehört, leider nur viel negatives. Deine Rezension ist wirklich sehr gelungen, du zerreisst das Buch nicht wie andere Blogger, sondern schilderst gut wieso dir das Buch gefällt, aber gehst auch auf die negativen Punkten ein. Solche Rezensionen finde ich hilfreicher als nur "Das Buch ist doof". Auch dass du die Autorin nicht persönlich angreifst finde ich klasse und du bringst Verbesserungsvorschläge an, was ich echt super finde :)
    Eine sehr gelungene Rezension!
    Liebe Grüsse
    Julia

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    1. Ich auch, weshalb ich mir im Nachhinein ein eigenes Bild machen wollte. Ich verstehe die Kritikpunkte, aber ich wollte aus ihnen nicht direkt persönlich auf die Autorin schließen - ich hoffe aber, dass Anne Freytag beherzigt, dass man mit so einem Thema viel Verantwortung mit auf sich nimmt. Zu sagen, es sei "kein LGBT-Roman" lässt die Verantwortung nicht automatisch verschwinden.
      Danke dir :)

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  2. Ich stimme deiner Kritik da zu. Ich finde auch, dass man da mehr Aspekte hätte beachten müssen und dass viele Themen einfach nicht angesprochen wurden. Dass die Existenz von Bisexualität so ignoriert wurde, hat mich auch sehr gestört. Kritisch fand ich auch, dass quasi begründet wird "ich hatte bisher nur schlechten Sex mit Jungs, dann muss ich lesbisch sein" und das ist einfach Unsinn.
    Das Coming out ging mir auch zu schnell, problemlos und mit zu wenigen Gedanken über die Bühne, damit hätte man sich mehr auseinandersetzen sollen. Generell geht es mir am Ende zu schnell und es wird beispielsweise auch nie diskutiert, dass Alex die ganze Zeit über ihren Freund betrügt, das wird einfach so akzeptiert.
    Sehr schöne Rezension, danke dafür!

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    1. Genauso ging es mir auch. Bisexualität auszuradieren ist auch sehr, sehr gefährlich - und absolut nicht hilfreich, weil Bisexuelle auch schon so mit Diskriminierung - auch von vielen Ecken der LGBTQIA+ Community - diskriminiert werden. Es hätte dem Roman so viel gutes getan, hätte Sophie realisiert, dass sie bisexuell ist.
      Das hat mich auch sehr gestört, das hätte ich auch ansprechen sollen, aber ich wollte den Fokus auf die LGBT-Sache legen. Seinen Partner zu betrügen ist keinesfalls richtig und sowas unreflektiert in einem Roman zu behandeln ist ebenso gefährlich.
      Danke dir! :)

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    2. Ja, das stimmt, Bisexualität wird gerne mal von beiden Seiten diskriminiert und wie das Buch damit umgeht, macht es nicht unbedingt besser. Es gibt ja so schon zu viele Leute die der Meinung sind, man müsste sich "entscheiden" und dass das hier genau so ist, stört mich auch sehr.
      Gut, dass du mir da zustimmst. Ich kann auch verstehen, dass du dich auf den einen Aspekt konzentriert hast, der ist für die Thematik auch wichtiger. :)

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