Sonntag, 11. Juni 2017

Rezension: Das Licht und die Geräusche



Worum geht's?

Da sind viele Dinge, die Johanna nicht versteht. Zum Beispiel, warum sie und Boris kein Paar sind, obwohl doch vieles dafür spricht. Wäre da nicht Ana-Clara, Boris' Freundin aus Portugal. Komplizierter wird es, als Boris in einer Nacht plötzlich verschwindet - und zwar nach Island. Was das bedeuten soll, versucht Johanna mit Boris' Eltern und Ana-Clara gemeinsam herauszufinden und lernt nicht nur sich selbst dabei besser kennen...

Meine Meinung

Bei "Das Licht und die Geräusche" handelt es sich um eine fragmentarische Coming-of-Age-Erzählung aus der Sicht der Ich-Erzählerin Johanna, die noch zur Schule geht. Im Vordergrund steht ihre Beziehung zu Boris, die sich als gar nicht so einfach herausstellt. Zwischen ihnen schweben ungesagte Worte, denn Johanna hegt romantische Gefühle für Boris und rätselt darüber, dass es umgekehrt eigentlich genauso sein muss, obwohl er mit Anna-Clara zusammen ist.

Dabei ist wichtig zu sagen, dass die Erzählung nicht der üblichen Jugendbuch-Formel "Mädchen trifft Junge und sie verlieben sich" geht. Die Geschichte folgt keinem gezielten roten Faden, viele Szenen wirken wie "reingeworfen", als würde Johanna sich spontan an sie erinnern. Dadurch wirkt die Erzählung wenig konstruiert, als hätte man die Worte ohne zu filtern niedergeschrieben. Man befindet sich überwiegend in Johannas Innenleben, weshalb dieser Schreibstil zur Authentizität diesem beiträgt. Erstaunlich finde ich, dass, obwohl die Geschichte sehr szenisch geschrieben ist - wodurch man Jan Schomburgs Hintergrund als Drehbuchautor erkennt - so kommen die Gedanken Johannas keineswegs zu kurz und geben den kurzen Szenen mehr Tiefe.

Allerdings fungiert Johanna dadurch auch mehr als Beobachterin als eine handelnde Person. Ihr passieren immer Dinge, sie selbst handelt wenig aktiv. Dadurch macht ihre Persönlichkeit einen blassen Eindruck, womit sie aber nicht alleine ist. Jede Figur ist leider kaum greifbar, dadurch, dass sie immer durch die Barriere von Johannas Gedanken gesehen werden, was es schwierig macht als Leser, einen uneingeschränkten Blick auf diese zu haben, um sich eine Meinung von ihnen zu bilden. Johannas Vorurteile waren oft anstrengend, besonders in Bezug auf Ana-Clara, da ich mir lieber selbst ein Bild gemacht hätte und ihre Kommentare nicht benötigte - man bekommt sehr früh mit, was sie von dem Mädchen hält.

Johannas Charakter rückt auch in den Hintergrund, weil das Buch ambitioniert versucht viele Themen anzusprechen, denen es aber nicht immer gerecht werden kann. Dazu gehören sensible Themen wie LGBTQIA+ und Suizid, die mehr eine Randerscheinung waren, als dass sie verantwortungsvoll behandelt wurden. Das habe ich als störend und schade empfunden. Zudem scheint das "Trendthema" Fremdgehen auch hier wieder präsent zu sein und wieder wird es unreflektiert behandelt, was zur Folge hat, dass es "normalisiert" wird, weshalb das Ende des Buches einen mehr oder weniger bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat.

Keine Zweifel, Jan Schomburg kann schreiben, denn die Gefühle werden immer treffend formuliert. Man konnte immer nachvollziehen, was Johanna durchmacht, dennoch fand ich sie für ihr Alter recht naiv, was mich oftmals geärgert hat. Widersprüchliche Gefühle sind für einen Teenager normal, allerdings haben sie hier oftmals keinen Sinn ergeben. Ein guter Schreibstil, der sich flüssig lesen lässt, und pointierte Gefühlsbeschreibungen allein können einen Roman meiner Meinung nach nicht tragen. Man braucht mindestens eine Figur, die hervorsticht und den Leser mitnimmt, aber die ist hier nicht gegeben.

Fazit



"Das Licht und die Geräusche" von Jan Schomburg folgt in vielerlei Hinsicht keiner typischen Coming-of-Age-Formel. Fragmentarisch erzählt Johanna von ihrer Beziehung zu Boris, von ihrer Klassenfahrt, und von ihrer Reise nach Island. Die wenig konstruierte Erzählung bringt frischen Wind in die Leseerfahrung. Schomburg schreibt pointiert über die Gedanken eines Teenagers, was dem szenischen Schreibstil zwar mehr Tiefe gibt, aber dem Charakter nicht. Johanna ist als Protagonistin zu passiv und schafft es nicht hervorzustechen, was dem Buch keine Ecken und Kanten gibt, die es gebraucht hätte. Zudem versucht das Buch zu viele Themen abzuklappern, die jedoch nur als Randerscheinungen auftreten - man hätte sich da nur auf eins beschränken sollen, denn die sonst spannende Leseerfahrung wurde zum Ende hin deswegen leicht getrübt.

Das Licht und die Geräusche
  • Titel: Das Licht und die Geräusche
  • Autor: Jan Schomburg
  • Verlag: dtv
  • Seiten: 256
  • Preis: 20,00€
  • Empfohlen ab: 14 Jahren
  • Erhältlich in jedem Format
Dtv | Jan Schomburg | Amazon

Vielen Dank an dtv für das Rezensionsexemplar!

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