Sonntag, 21. Januar 2018

Frauen im Spiegel der Zeit: Magda und Gerda (Magdas Apokalypse & Der Sommer ihres Lebens)

Oder auch: Warum ich von nun an Comics lesen möchte

In der vergangenen Bookplanetarium-Liveshow zu Magdas Apokalypse und Der Sommer ihres Lebens haben Lea (Liberiarium), Philip (Book Walk) und ich gemeinsam unsere Erfahrungen zu den beiden Comics gesammelt. Mit ein paar nachträglichen Gedanken würde ich gerne an das Video anknüpfen und das herausstellen, was Lea bereits angedeutet hat: Ohne zu wissen haben wir uns zwei Werke ausgesucht, die die Erfahrungen zweier Frauen behandeln, das Thema des Todes ist allgegenwärtig und beide Figuren sehen sich mit dem Lauf der Zeit konfrontiert.

Natürlich sieht immer einen Zusammenhang da, wo man einen sehen möchte, allerdings haben mich beide Werke – erschienen bei zwei verschiedenen Verlagshäusern, Splitter (Magda) und Reprodukt (Sommer) – auf eine neue Art und Weise berührt. Ich bin unerfahrene Comicleserin. In meiner Teenagerzeit habe ich massig Mangas konsumiert, mit Superhelden kam ich auch ab und an in Berührung (jedoch eher durch Animationsserien, als durchs Lesen), allerdings war mir nie bewusst, dass Geschichten auch so erzählt werden können.

Was meine ich damit?

Beim Lesen dieser Comics war ich fasziniert davon, wie harmonisch Bild und Text miteinander interagieren. Viele tun das Comic esen als eine „einfache“ Tätigkeit ab – schließlich assoziiert man damit vielleicht die guten alten, unterhaltsamen Asterix und Obelix oder Donald Duck-Geschichten – und auch ich habe mich nicht angeregt gefühlt, sogenannte „Graphic Novels“ in die Hand zu nehmen, weil... warum auch? Wenn ich einen Roman lese, dann brauche ich keine Bilder um mir die Welt, die mir erzählt wird, vorstellen zu können. Das erledigt schließlich mein Kopf. Man unterschätzt jedoch schnell, welche Aussagekraft Bilder haben können und vor allem, wie ehrlich diese sind. Oftmals führen sie uns Dinge vor Augen, an die sich unsere Phantasie gar nicht heranwagt.

Dies haben mir Magdas Apokalypse und Der Sommer ihres Lebens eröffnet. Damit ihr nachvollziehen könnt, was ich meine, möchte ich kurz auf die einzelnen Comics eingehen.

In Magdas Apokalypse von Chloé Vollmer-Lo und Carole Maurel wird Magda ein Tag vor ihrem 13. Geburtstag eröffnet, dass die Welt untergeht. Sie fasst den Entschluss in einem einzigen Jahr alles nachzuholen, was ihr das Leben eigentlich geboten hätte, hätte sie die Chance gehabt, alt zu werden. Sie wird von hier auf jetzt erwachsen, oder denkt zumindest, dass sie es wird. Damit geht sie Dingen entgegen, die einer typischen „Innocence Lost“-Geschichte gleichen, jedoch wird dies mit farbkräftigen, fast schon ein bisschen roh und schroff gezeichneten Bildern untermalt. Handlungen werden nicht nur durch den Text angedeutet, sondern mit Bildern skizziert, die es verhindern, dass das Gehirn einen Schwenker macht, sodass wir denken Ach, vielleicht war das gar nicht so schlimm! Wir sehen wie Magda auf der Überholspur dem Ende ihres Lebens entgegensteuert.
Dabei hat mir besonders gefallen, wie realitätsnah die Geschichte erzählt wird. Abgesehen von den offensichtlichen Erfahrungen, die sich Magda aufzwingt, wird sie mit den Problemen eines pubertierenden Mädchens bekannt gemacht, wie ihre erste Periode, das Bedürfnis, autonom zu agieren, und die erste Liebe.

Zu behaupten, dies wäre eine normale „Coming of Age“-Geschichte ist eine wahnsinnige Untertreibung und vor allem Unterschätzung. Mir fiel nämlich auf, dass die „Apokalypse“ in dem Titel des Comics zweideutig interpretiert werden könnte. Einerseits befindet sich Magda in einer buchstäblichen Apokalypse – die Welt soll wirklich untergehen und der Leser begleitet sie durch das Jahr hinweg mit einem stetigen Zeitdruck, dass sie nicht mehr lange zu leben hat, was der Antrieb der Geschichte ist. Andererseits könnte sich die „Apokalypse“ auf ihr Aufwachsen beziehen, auf ihr Recht, von einem Kind zu einer jungen Frau heranzuwachsen, die unter einem enormen Stress steht, alles zu erleben, was das Leben zu bieten hat, oder das, was sie vom Leben erwartet. Oder was sie glaubt erwarten zu müssen, weil der Druck von außen so stark ist. Ein Gedanke, mit dem sich jedes junge Mädchen in der heutigen Gesellschaft in ihrem Alter beschäftigt.

In einem kompletten Gegenteil lernen wir Gerda in Der Sommer ihres Lebens kennen. Gerda steht auch vor dem Ende ihres Lebens – allerdings hat sie schon eine Menge erlebt und erzählt in Retrospektive über ihre Erfolge und ihr Scheitern. Sie befindet sich in einem Altersheim und der Comic lässt den Leser anhand des verträumten, künstlerischen Zeichenstils an ihrer Nostalgie teilnehmen. Der Comic ist sehr kurzweilig, aber aufgrund der wechselspielerischen Beziehung zwischen Bild und Text wirkt er wie ein Film, der einen kurz, aber prägnant in den Bann zieht, sodass man – wenn man wiederauftaucht – glaubt, sich von dieser intensiven Erfahrung nicht erholen zu können. So ging es mir zumindest, denn ich hatte das Gefühl, dass die Geschichte viel zu kurz war.

Aber vielleicht war das genau die Absicht von Barbara Yelin und Thomas von Steinaecker. Gerda erinnert sich an den einen ganz besonderen Sommer in ihrem Leben, den dieser hat den Verlauf ihres weiteren Lebens bestimmt. Sie setzte sich als Physikerin in einer Männerdomäne durch. Eine glanzvolle Karriere könnte ihr zu Füßen liegen, doch dann lernte sie jemanden kennen. Vor so einer Entscheidung standen und stehen vermutlich auch noch jetzt Frauen. Karriere oder… ja, was denn nun? Eine glückliche Ehe? Eine Familie? Die Freunde?
Bittersüß führt Der Sommer ihres Lebens einem die Realität vor Augen: Einerseits kann man sich gut mit Gerdas Dilemma identifizieren, andererseits wird der Leser auch mit Gerdas Aufenthalt im Altersheim vertraut gemacht, was mich besonders zum Nachdenken angeregt hat. Man schenkt den älteren Menschen unserer Gesellschaft wenig Aufmerksamkeit, wobei ich das natürlich nicht generalisieren möchte. Aber durch persönliche Erfahrungen hat mich diese Geschehnisse dort innerhalb der Geschichte besonders mitgenommen. Dabei sind die Macher gnadenlos und drücken ununterbrochen auf die Tränendrüse. Ja, die Geschichte berührte mich – aber auf einer Ebene, in der Text und Bild miteinander ergänzend und symbiotisch arbeiten. Die Bilder sind träumerisch, doch das, was sie abbilden, liegt unmittelbar in der Realität.

In beiden Comics sieht man, welchen Einfluss die Zeit auf beide Frauen hat und wie sie mit der Zeit umgehen. Magda beschließt, die Zeit zu nutzen, vielleicht auch zu einem gewissen Grad zu missbrauchen, weil diese gegen sie arbeitet, während Gerda, selbst sichtlich geprägt von der Zeit, die sie schon hinter sich hat, sich genau an diese erinnert, und sie vielmehr mit offenen Armen begrüßt und akzeptiert, anstatt Reue zu zeigen.

Ich habe durch beide Comics sehr viel gelernt. Die Geschichten und der intensiven Bilder brachten mich dazu, mich mit den oben genannten Themen tiefer zu beschäftigen und auch über meine Wenigkeit zu reflektieren, und wenn Geschichten das schaffen, haben sie meiner Meinung nach etwas richtiggemacht.

Oder seid ihr da anderer Meinung?


Short Facts

Titel: Magdas Apokalypse
Autorin: Chloé Vollmer-Lo
Zeichnerin: Carole Maurel
Übersetzerin: Monja Reichert
Verlag: Splitter
Preis: 24,80€
Sonstiges: 192 Seiten, Hardcover, Bookformat

Titel: Der Sommer ihres Lebens
Autoren: Barbara Yelin, Thomas von Steinaecker
Verlag: Reprodukt
Preis: 20,00€
Sonstiges: 80 Seiten, farbig, Hardcover












An dieser Stelle möchte ich mich bei Reprodukt und Splitter für die Exemplare beider Comics bedanken. Ohne euch hätte ich diese weiterführenden Gedanken nicht gehabt – danke!

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