Freitag, 11. Mai 2018

Die Magie des Erzählens - Ein zauberhaftes Wochenende in Tutzing


20 Jahre Harry Potter – nicht nur wir Leser*innen sind fasziniert von der magischen Welt um Hogwarts und der Geschichte um den Jungen, der überlebte. Harry Potter ist nicht nur eine Buchreihe, sondern ein kulturelles Ereignis, das eine Masse angezogen hat, denn nicht umsonst wurde die Geschichte in über 80 Sprachen übersetzt. Auch die Literaturwissenschaft beschäftigt sich mit dem jungen Zauberer, und einen Einblick in die wissenschaftlichen Perspektiven habe ich am vergangenen Wochenende bekommen dürfen: Die Tagung „Die Magie des Erzählens. J.K. Rowlings fabelhafte Welt und der Harry Potter-Effekt auf Kinder-und Jugendliteratur um und nach 2000“ fand vom 4. bis zum 6. Mai in der Evangelischen Akademie in Tutzing statt.

Tutzing befindet sich in Bayern am Starnberger See. Direkt am Ufer ist die Evangelische Akademie Tutzing, die mit ihren Efeu-umwucherten Mauern und dem griechischem Garten mehr wie ein Märchenschloss aussieht. Damit eignet sich der Ort auf jeden Fall für so ein magisches Tagungsthema.

Freitag, 4. Mai


Begrüßung und Einführung in die Tagungsthematik
Das Programm startete am Abend um 19 Uhr mit der Begrüßung und Einführung in die Tagungsthematik. Judith Stumptner, Studienleiterin für Kunst, Kultur, Bildung und Digitales, sowie Stellvertretende Akademiedirektorin an der Evangelischen Akademie Tutzing,  sagte ein paar einleitende Worte, erwähnte sogar, dass Blogger*innen der Tagung beiwohnten mit einem Hinweis auf unsere Adressen, die aushingen. Es folgte ein kleines Kennlernspiel, bei dem Frau Stumptner eine Frage stellte, und jede*r aufstehen sollte, der oder die sie mit „Ja“ beanworten konnte: „Wer hat alle Harry Potter Bücher gelesen? Wer hat seine Badehosen eingepackt?“

Der "Harry Potter-Effekt" ist generationsübergreifend
Ute Dettmar, Direktorin des Instituts für Jugendbuchforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt a. M., hielt im Anschluss einen kurzen Vortrag über Harry Potter als Kanonisierungsinstanz und über die Popularität der Reihe in Kultur und im digitalen Raum. Sie sprach von dem „Harry Potter-Effekt“, der generationsübergreifend funktioniert und vergleichbar ist mit den All Age-Werken Die unendliche Geschichte und Momo, wie auch den Bücher von Cornelia Funke. Harry Potter wird als kulturelles Ereignis diskutiert, woraus sogar fangemachten Musicals oder Fanfiction entstehen. Um das zu untermalen, spielte sie das Anfangsstück des A Very Potter Musicals ab, in dem Harry (gespielt von Darren Criss) Back To Hogwarts performt. (Es ist mir sehr schwer gefallen, nicht mitzusingen).
Ebenso wies sie darauf hin, dass Harry Potter selbstverständlich auch ein literarisches Ereignis ist – was natürlich in dieser Tagung behandelt wird.

Daraufhin ergriff Tilman Spreckelsen, Redakteur der FAZ, das Wort und blickte zurück auf die Berichte der FAZ über Harry Potter. Darunter kamen ihm Informationen wie, dass Steven Spielberg Interesse gezeigt hätte, das Buch zu verfilmen und dass J.K. Rowling reicher sei als die Queen. Er schlussfolgerte, dass sich Harry Potter als Referenz und Beispiel in verschiedenen Disziplinen etabliert habe, was zeige, welche Größe dieses kulturelle Ereignis eigentlich hat.

Die Fantasy und das 21. Jahrhundert
In einer Art Panel saßen als Experten Philipp Theisohn, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Zürich, und Dietmar Dath, Autor und Redakteur der FAZ. Das Ganze wurde von Herrn Spreckelsen moderiert.
Gesprochen wurde unter anderem über die Unterscheidung zwischen Fantasy und phantastischer Literatur oder ob man überhaupt unterscheiden kann. Die Ursprünge der Phantastik wurden in der Science Fiction verortet, mit Mary Shelleys Roman Frankenstein. Es wurden Dichotomien aufgemacht, wie die funktionsgebundene Entzauberung – die Science Ficiton gewissermaßen darstellt – und (Wieder-)Verzauberung mit Escapismus durch Fantasy. Man sollte nicht nach Requisiten einteilen, so Herr Dath – die Genregrenzen seien also nicht ganz klar definiert.

"Die Herausforderung der Fantasy" im 21. Jahrhundert
Auf eine klare Differenzierung beider Begriffe kam die Diskussion nicht, was vor allem daran lag, dass sich meiner Auffassung nach zu sehr an verschiedenen Punkten aufgehalten wurde. Herr Theison kam sogar auf Johannes Kepler zu sprechen, was für mich den Rahmen des Themas komplett sprengte, zumal Harry Potter selbst viel zu kurz kam. Allerdings sprach Herr Dath zum Ende hin über die „Herausforderung der Fantasy des 21. Jahrhunderts“, die darin bestehe, sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen, und nannte dafür einige Own-Voice Autor*innen. Man befinde sich stark im europäischen Kontext (wie die Diskussion rund um den Roman des 19. Jahrhunderts hier deutlich zeigte). Daraufhin viel auch der Begriff der „Grenzüberschreitung“, wobei die Frage ist, von welchen Grenzen eigentlich die Rede ist. Das nahm ich zum Anlass, in der darauffolgenden Diskussionsrunde Herrn Dath zu fragen, wer eigentlich vor der Herausforderung steht, die die Fantasy des 21. Jahrhunderts zu schreiben. Er entgegnete, dass alle vor der Herausforderung stünden, und dass die Auseinandersetzung mit Kulturen nur durch „Liebe“ und „Faszination“ erfolge – also durch Kommunikation, die die Prämisse für einen Perspektivenwechsel innerhalb der Fantasy darstelle.

Samstag, 5. Mai


Diesseits von Hogwarts oder: Zauberkunst als „Lehrberuf“?
Den ersten Vortrag am zweiten Tag der Tagung hielt Peter Rawert – eigentlich Honorarprofessor an der Universität Kiel bzw. Notar in Hamburg, aber in seiner Freizeit ist Herr Rawert auch ein Amateurzauberer und ein leidenschaftlicher Sammler historischer Zauberbücher. So begann er seinen Vortrag, indem er Uri Geller als Scharlatan bezeichnete, der nur einen bestimmten Hebeltrick benutze. Er verwandelte daraufhin – ohne seine Hände zu benutzen! – selbst einen Löffel in seinem Mund in eine Gabel. Eindrucksvoll und witzig, so lockerte Herr Rawert die morgendliche Müdigkeit und begann gleich vorzutragen.

"Zaubern heißt, Natur- und Denkgesetzte außer Kraft setzen."
Als Aufhänger verwendete er die Ausstellung A History of Magic, die im vergangenen Winter in der British Library zu sehen gewesen war. In dieser Ausstellung wurden in verschiedenen Themenbereichen wie Zaubertränke, Alchemie, Kräuterkunde und Astrologie die historischen Ursprünge von Rowlings Zaubereifächern dargestellt.
Als Historikerin hat mir die Ausstellung sehr gefallen, wie auch der Vortrag von Herrn Rawert. Seinen Fokus legte er nicht etwa auf esoterische oder hermetische „Zauberei“-Vereine – wie man die Zaubererwelt in J.K. Rowlings Büchern bezeichnen könnte – sondern auf die Gaukler, Taschenspieler und Zauberkünstler, sogenannte „Muggel-Magier“, die sich unter die normalen Leute mischten und Zaubertricks aufführten.
Aber was heißt eigentlich Zauberei? Damit beschäftigte sich Herr Rawert ebenso ausführlich: Zauberei setzt Natur- und Denkgesetze außer Kraft, sie muss erlernt und studiert werden, sie setzt sich aus Effekten und Methoden der Ablenkung zusammen, meistens existieren Zaubereibücher und natürlich sollte sie gegen schwarze Magie eingesetzt werden – eines der zentralen Themen in Harry Potter. Oftmals jedoch ist Zauberei etwas, das im Kopf passiert – ein psychologisches Ablenkungsmanöver, die Manipulation der Aufmerksamkeit.

Vagabundierende Bücher – Materialität und Metafiktion im Medienverbund um Harry Potter
Im Vortrag von Christine Lötscher, Kulturwissenschaftlerin und Literaturkritikerin im Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Zürich, ging es um die Bücher in Harry Potter, und über das Buch im Buch, oder wie das Buch zum Film wurde.
Eingeführt in das Thema wurde mit einem Clip, die die Atmosphäre der Bibliothek in Hogwarts einfangen sollte, und kurz danach ging es weiter mit einem Ausschnitt aus Harry Potter und der Gefangen von Askaban, in dem Harry mit dem Monsterbuch der Monster kämpft. 
"Bücher denken selbst, und durch uns hindurch."
Bücher spielen in Harry Potter mehr oder weniger eine tragende Rolle: Als Beispiel diente u.a.  Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind, das zunächst als Schulbuch startete, bevor es ein veröffentlichtes Buch wurde und anschließend eine eigene Filmreihe; oder auch das Tagebuch von Tom Riddle, das nicht nur ein Tagebuch war, sondern ein Medium, eine Art Chatfenster, in dem man mit einem Internet-Freund kommunizieren könnte. Es ist eine Persönlichkeit, aber auch ein Horkrux. Ähnlich verhält es sich mit dem Zaubertränkebuch des Halbblutprinzen, von dem sich am Ende herausstellt, dass es gefährlich ist: Als Harry den aus dem Buch stammenden Zauberspruch Sectumsempra gegen Draco Malfoy anwendet, verletzt er ihn schwer damit. Außerdem stellt sich heraus, dass Severus Snape der besagte Halbblutprinz ist, womit das Buch in doppelter Hinsicht in die Geschichte eingebunden wird.
Das prägnanteste Beispiel ist jedoch das Buch Die Märchen von Beedle den Barden und die darin enthaltene Geschichte Der Drei Brüder, die eine wichtige Rolle in Bezug auf die Heiligtümer des Todes spielt. Anhand des Filmclips zeigte Frau Lötscher, dass das Märchen in einer Metalepse erzählt wird, also einem Film in einem Film. Die Geschichte in Harry Potter erzählt eine Geschichte, genauso wie der Film Harry Potter einen Film zeigt.

Schnarchkackler und Einhart Pfützensee: Die Harry Potter-Bücher in deutscher Übersetzung
Susan Kreller, Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Journalistin in Bielefeld, hat sich mit der Übersetzung von Harry Potter ins Deutsche – die von Klaus Fritz erfolgte – auseinandergesetzt.
Übersetzung ist eine Interpretation des Übersetzers, was bedeutet, dass es keine richtige oder falsche Übersetzung gibt. Es bestehen verschiedene Variablen, die es bei einer Übersetzung zu beachten gibt, zum Beispiel die fremdkulturelle Markierung.
"Gilderoy Lockhart würde nie Fußnoten benutzen und sich auf andere beziehen!"
Als Beispiel hierfür ging sie besonders auf die Problematik des Übersetzens von Hagrids Dialekt ein. Dieser ist nicht ganz zu definieren, aber Frau Kreller erwähnte den sogenannten „eye-dialect“ oder eine Art „lower class dialect“, der sich in Hagrids Sprache widerspiegelt. In der deutschen Übersetzung von Buch 1 bis 3 ist dieser Dialekt verloren gegangen – Hagrids wörtliche Rede wurde in ein Standarddeutsch gebracht, sodass mögliche soziale oder geographische Herkünfte nicht ersichtlich werden. Aber nicht nur das: Bestimmte Machtgefüge lassen sich nicht ausmachen, wie zum Beispiel in der Szene in Harry Potter und die Kammer des Schreckens, in der Hagrid seine Sorge über die Ermordung von Muggelstämmigen äußert: „There’ll be killin‘ next!“ Woraufhin Lucius Malfoy an Dumbledore gewandt sagt: „[…] and only hope that your successor will manage to prevent any – ah – killin’s.“ Es wird deutlich, dass sich Lucius Malfoy in einer Position befindet, in der er sich ermächtigt sieht, Hagrids Ausdrucksweise zu verurteilen und ihn unter sich zu stellen. In der deutschen Übersetzung bringt der Dialog nur zum Ausdruck, dass Lucius Malfoy sich über Hagrid lustig macht, weil er Angst vor Morden in Hogwarts hat.
Hagrids Dialekt findet jedoch ab dem vierten Buch einen Weg in die deutsche Übersetzung. Dort wird er in eine Umgangssprache mit lexikalischer Unterstützung gebracht.
Besonderheiten der deutschen Sprache
Die Besonderheit im Deutschen ist das Siezen, dass so in der englischen Sprache nicht existiert. So wird die Szene im siebten Band, als sich Harry und Voldemort gegenüberstehen, noch einmal anders aufgeladen: Harry nennt Voldemort nicht nur Tom Riddle, sondern er duzt ihn noch, was seinen Worten einen zusätzlichen Grad an Respektlosigkeit verleiht.  
Frau Kreller geht noch auf weitere Übersetzungen ein, die mehr Kreativität erfordern: J.K. Rowling arbeitet oft mit Homophonien, die ins Deutsche nicht übertragbar sind. Teilweise erfolgt da auch eine Angleichung an die Zielkultur. So wird der Knight Bus (der Nachtbus und der Ritterbus) zum Fahrenden Ritter (Ritter, die von Hof zu Hof reisen) oder aus „Kindly send your answer by return of this owl“ „Bitte schicke deine Antwort eulenwendend.“ (HPVI). Es gibt noch zig Beispiele, die Frau Kreller angeführt hat und die mir wieder einmal gezeigt haben, dass Übersetzung eine Kunst ist, die viel zu wenig gewürdigt wird.

Texten ein Gesicht geben – Werkstattgespräch
Eva-Maria Magel, Redakteurin der FAZ eröffnete und moderierte dieses Panel, bei dem Isabel Kreitz, Comiczeichnerin aus Hamburg, und Sabine Wilharm, Zeichnerin und Illustratorin in Quickborn mitdiskutierten. Frau Kreitz ist u.a. die Illustratorin von den Büchern Erich Kästners; Frau Wilharm ist die Illustratorin der deutschen Harry Potter Cover (die ersten – nicht die neusten!) und gewährte uns ein paar Einblicke in ihren Arbeitsprozess.  So offenbarte sie, dass die Cover, wie wir sie heute kennen, Anweisungen vom Verlag widerspiegeln: Es sollte auf jeden Fall der Kopf von Harry zu sehen sein, am besten mit einer Szene aus dem Buch. Anhand ihrer Illustration zu „Der Erlkönig“ hat sie gezeigt, wie sie an Geschichten herangeht. Dabei spielen Bildformate und Farben eine Rolle, aber vor allem die eigene Interpretation der Geschichte.
Auf die Frage, ob Frau Wilharm sich von den originalen Covern der Harry Potter-Bände hat inspirieren lassen, antwortete sie, dass sie dies bewusst nicht gemacht habe. Sie habe sich jedoch in der Sprache wiedergefunden, was ihre Arbeit inspiriert habe. Zudem wieß sie auf die Unterschiede zwischen dem Arbeitsprozess von „damals“, in dem sie überwiegend analog arbeitete, und „heute“, wo Photoshop den Prozess um einiges erleichtert habe.

Sonntag, 6. Mai


Im Dickicht der Bezüge: Harry Potters intertextueller Kosmos
Hier erfuhr ich mein persönliches Highlight der Tagung: Emer O’Sullivan, Professorin für Englische Literaturwissenschaft am Institute of English Studies an der Leuphana Universität in Lüneburg schnitt mein Lieblingsthema der Literaturwissenschaft an: Intertextualität. Ihr Vortrag konzentrierte sich dabei nicht auf die ‚typischen‘ Themen, die man Harry Potter in diesem Zusammenhang zuspricht, an: Also Mythen, Legenden, Religion und Magie. Diese fanden zwar kurz Erwähnung, doch sie lenkte den Blick vor allem auf drei andere Bereiche: Literatur, europäische Geschichte und englische Selbst- & Fremdbilder.
J.K. Rowlings Inspiration: Jane Austen
Rowling bediente sich an traditionelle britische Gattungen: Phantastik, Internatsgeschichte, Gothic Novel, Bildungsroman mit ein paar Spuren eines Krimis. Frau O’Sullivan stützte sich auf die Internatsgeschichte und wies die Parallelen zwischen ihr und Rowlings Geschichte auf. Dazu gehören die erste Anfahrt mit der Bahn (der Hogwartsexpress) und der Besuch vom naheliegenden Dorf (Hogsmeade). Zudem spielt Sport eine wichtige Rolle (Rugby bzw. Quidditch), da sich Harry, wie auch seine Vorgänger, nicht mit intellektuellen, sondern mit sportlichen Fähigkeiten beweist. Schulmotto und Wappen sind auch fester Bestandteil des Internats, die Rowling auf ihre eigene Weise interpretiert. Sie belebt alte Klischees durch eine phantastische Verfremdung, so Frau O’Sullivan.
Auch ließen sich andere Inspirationen erkennen, wie Rowlings Bewunderung für Jane Austen, die ihre Lieblingsautorin ist. Das Mittel der Täuschung, dessen sich Rowling in der Szene von HPI bedient, in der Severus Snape angeblich Harrys Besen verhext und Professor Quirrel, der eigentliche Urheber des Übels, nur beiläufig erwähnt wird, ist ein Stilmittel, das sich auch oft bei Austen wiederfinden lässt. Es werden Informationen verstreut, sodass der Leser abgelenkt wird.
Grindelwald starb im Jahr 1945, genau wie Hitler. Eine bewusste, deutsche Konnotation zum "Bösen."
Ebenso kam Frau O’Sullivan auf die europäische Geschichte zu sprechen. Sie betont das, was schon oft behandelt wurde: Die Geschichte um die Erhaltung der Reinblütigkeit in der Zaubererwelt parallelisiert eindeutig das Ziel der „Rassenreinheit“ der Nationalsozialisten,. Die Terrorisierung der Muggel und Muggelstämmigen ähnelt der Judenverfolgung, und Rassismus wird ebenfalls aufgegriffen, der sich in der Behandlung der Zauberer gegenüber magischen Wesen - wie Hauselfen oder Zentauren, die eigentlich, wie sie, magische Kräfte besitzen, allerdings eine ‚animalische‘ Seite aufweisen - ausdrückt.
Am interessantesten fand ich den Abschnitt über die englischen Selbst- und Fremdbildern. Es gibt viele Aspekte, die auf das ‚Spezifisch Englische‘ in Rowlings Büchern hinweisen: In der Darstellung von kultureller Identität und Alterität, in der sich keine Hinweise auf den kulturellen und magischen Kontext der British Afriacans und British Indians, die Hogwarts besuchen, wiederfinden; Hogwarts ist die beste Zaubereischule und die besten Zauberer stammen aus Großbritannien; die Beschreibung der Schüler*innen aus Beauxbatons und Durmstrang, die bezogen auf Geschlecht und Kultur stereotypisch dargestellt und fast karikiert werden.
Es wird aber auch auf die englische Geschichte zurückgegriffen, zum Beispiel auf die ‚ewige‘ Feindschaft zwischen England und Frankreich, die sich in Rowlings Dichotomie Guter Zauberer/Böser Zauberer zeigt. Zauberer auf der guten Seite werden mittelständisch-angelsächsisch charakterisiert, als Beispiel nennt Frau O’Sullivan die Weasleys. Währenddessen werden die ‚bösen‘ Todesser normannisch-französisch kodiert, was sich vor allem in ihren französischen Namen (Voldemort, Lestrange, Malfoy oder Rosier) ausdrückt.
Besonders spannend fand ich die Parallelen zwischen Dumbledore und Winston Churchill, auf die Frau O’Sullivan aufmerksam machte, die sich in Dumbledores Rede über „dark times“ nach Cedrics Tod in HPIV und Churchills „Darkest Hour“ zeigen.

Erben oder plündern? Harry Potter und seine Nachfolgerinnen und Nachfolger
In seinem Vortrag erzählt Michael Schmitt, Literaturredakteur bei ZDF/3Sat Kulturmainz in Mainz/Wiesbaden, über den Einfluss, den Harry Potter auf Kultur und Kinderbuch der 2000er hatte. Dabei fand auch der March for Our Lives Erwähnung, bei dem die Demonstrant*innen davon sprachen, dass Harry Potter sie gelehrt habe, wie sie sich wehren können – Harry Potter sei also Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses einer bzw. dieser Generation.
Dann kam er auf vereinzelte Kinderbücher zu sprechen, die mir (und auch anderen Zuhörer*innen) leider nichts sagten. Ich hatte gehofft, dass auf Rainbow Rowells Der Aufstieg und Fall des außergewöhnlichen Simon Snow eingegangen wird, ein Buch, das ganz offensichtlich auf Harry Potter anspielt und – wie eine Teilnehmerin zurecht angemerkt hat – die ganzen Lücken behandelt, die Rowling in ihrer Buchreihe nicht gefüllt hat, unter anderem Plotlöcher, Logikfehler und vor allem Repräsentation von Minderheiten. Daraufhin entgegnete Herr Schmitt, dass ihn das Geschmachte Simons für Baz sehr gestört habe, was einen „Bis(s)-ähnlichen Charakter“ (die Bücher von Stephenie Meyer) hätte - was für mich an diesem Punkt ein irrelevantes Argument war, wenn es doch im Vortrag um Nachfolger*innen ging. Leider war ich aus diesem Grund doch ein wenig enttäuscht von dem Vortrag, da mir Bücher wie Percy Jackson, die sich bewusst als Nachfolger von Harry Potter verstehen, gefehlt haben. Ich verstehe unter Nachfolgerschaft nicht die direkte Verwandtschaft – Nachfolger können auch Bücher sein, in der es nicht um einen Zauberer geht, aber diese Perspektive fehlte im Vortrag meiner Meinung nach.

Schluss


Damit war auch die Tagung leider zu Ende. Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, aber es war vor allem bereichernd, so viele Perspektiven auf die Harry Potter-Romane zu bekommen, und das aus wissenschaftlicher Sicht. Gerade weil sie Kinderbücher sind, werden sie nicht immer ernst genommen, was hier aber überhaupt nicht zutraf: Man hat Harry Potter als kulturelles Phänomen und Ereignis anerkannt, ebenso wie die Kreativität der Autorin und auch all der anderen, die an dem Buch gearbeitet haben, und vor allem auch der Leser*innen, die für das Fortleben von Harry Potter verantwortlich sind.


Vielen Dank an meine beiden Blogger-Kolleginnen, Tina vonMein Buch Meine Welt und Rabea von Der Pageturner, die Zeit mit euch beiden war unfassbar toll! Vielen Dank auch an die Evangelische Akademie Tutzing, die diese tolle Tagung organisiert haben. Vielen Dank an die Referent*innen, für die Mühe, die Arbeit und die Eröffnung neuer Perspektiven, die mich Harry Potter auf neue Weise haben kennenlernen lassen. Und vor allem vielen Dank an den Carlsen Verlag für die Unterstützung bei meiner Anreise und Unterkunft, wie auch die Möglichkeit, an diesem magischen Wochenende teilzunehmen!

Kommentare:

  1. Huhu Sanne :)

    Wow, das ist ein toller Bericht und ich habe jetzt noch mehr Lust, mal auf eine solche Veranstaltung zu gehen. Ich habe im Lifestream leider nur den allerletzten Vortrag mitbekommen und muss sagen, dass ich ihn ebenfalls enttäuschend fand. Auch, wenn man Biss vielleicht nicht mag, sehe ich selbst diese Reihe irgendwo als Nachfolger an, weil ich denke, so ein Hype wäre ohne Harry Potter vorher nie zustande gekommen (im übrigen denke ich das bei den meisten Reihen...).
    Simon Snow habe ich leider noch nicht gelesen, weil ich Fangirl nicht so mochte, aber vielleicht besorge ich es mir doch nochmal :)

    Danke, dass du uns so noch einmal an dem Wochenende teilhaben lässt!

    Liebste Grüße,
    Mareike :)

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    1. Hallo Mareike,

      dieser Meinung bin ich auch! Man kann von den Werken halten was man will, aber man muss anerkennen, was sie leisten bzw. geleistet haben. Über Qualität lässt sich streiten.

      Simon Snow kann man ganz gut unabhängig von Fangirl lesen :)

      Freut mich, dass dir der Bericht so gefällt!

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  2. Danke für den super Bericht - da wär ich gern dabei gewesen! Aber sag mal, Viola Owlfeather war nicht da, oder? Ich hätte gedacht, wenn jemand auf einer Tagung zu Harry Potter reden würde, dann die.

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    1. Danke dir! Nein, sie war nicht da - leider weiß ich auch nicht, wie die Referent*innen ausgewählt wurden.

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