Montag, 4. Juni 2018

Irmina - Barbara Yelin

In den 1930er Jahren reist Irmina nach London, um eine Ausbildung anzufangen. Ihr Ziel ist es, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und als sie Howard, einen Oxford-Studenten aus der Karibik, trifft, wird sie darin bestärkt. Allerdings drängt die politische Situation in Deutschland sie zurück nach Berlin. Um den erstrebten Wohlstand beizubehalten, muss sie lernen, sich dem Regime der Nationalsozialisten zu fügen.



Meine Meinung

Nachdem ich "Der Sommer ihres Lebens" von Barbara Yelin gelesen habe, musste ich unbedingt zu "Irmina" greifen. Das historische Thema hat mich neugierig gemacht, wie auch die aufwendige, wunderschöne Aufmachung des 300-seitigen Comics.

Zu Anfang lernt man Irmina als ehrgeizige, junge Frau kennen, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln ihre Selbstständigkeit bewahren will. Jedoch wird schnell klar, mit welchen Hindernissen eine bürgerliche und alleinstehende Frau von dieser Zeit zu kämpfen hatte. Zu Anfang steht die bittersüße Beziehung zum Oxford-Studenten Howard im Vordergrund. Beide verbindet ihr Dasein als Außenseiter: Irmina als Frau, die nicht ernstgenommen wird und Howard, der, trotz seiner Leistungen an der Universität, mit Rassismus konfrontiert wird und Angst um seinen Studienplatz haben muss. Diese Phase wird durch die drängende politische Situation in Deutschland abrupt beendet, und Irmina sieht sich gezwungen - da sie plötzlich ohne Dach über dem Kopf und Geld dasteht - zurück nach Berlin zu gehen. Hier fühlt der Leser richtig mit und fragt sich, ob es nicht auch hätte anders gehen können - allerdings finde ich, dass damit ein realistischer Weg gegangen wird, der mich zum weiterlesen anregte.

Wenn die Graphic Novel voller Hoffnung begonnen hat, so trübt die Stimmung nach und nach seit Irminas Ankunft in Deutschland. Sie muss zunehmend ihre Träume aufgeben und sich dem beugen, was von ihr erwartet wird. Sie steht vor der Entscheidung sich klarzumachen, was sie will und entscheidet sich für den Wohlstand. Die einst mutige Frau wird zu einer Mitläuferin, welche die Ideologie ihres Regimes nicht infrage stellt. So nimmt sie die Judenverfolgung einfach hin und profitiert sogar davon. Diese Entwicklung ist für den Leser enttäuschend, weil Irmina nach ihrer Begegnung mit Howard eigentlich sensibilisiert sein müsste. Auch die Vernunftehe mit einem SS-Offizier kommt unerwartet, aber auch nicht überraschend - schließlich muss sie ihre Existenz irgendwo sichern.

Damit beschäftigt sich der Comic mit Fragen, die sich die Geschichtswissenschaft ebenfalls seit Längerem stellt: Wie konnten gewöhnlichen Menschen auf dieses schreckliche System einlassen? Wie haben diese Menschen den Alltag erlebt? Wie viel wussten sie eigentlich und haben sie denn nie gesehen, wie ihre jüdischen Nachbarn deportiert wurden? Hatte sie als Frau überhaupt die Chance, sich zwischen freier Wahl und Fügung zu entscheiden? Hilfreich ist auch das Nachwort Dr. Alexander Korbs, der sich reflektiert mit den Ereignissen in "Irmina" auseinandersetzt und sie in Bezug zu den Forschungen der Geschichtswissenschaft stellt und einen Abschluss zur Graphic Novel darstellt, der nochmal einlädt, über das Thema nachzudenken.

Unterstützt wird diese raue Stimmung durch den fast schon schroff wirkenden Zeichenstil, der noch sehr "roh" und skizzenhaft aussieht. Allerdings hätten perfekte Linien gar nicht zur Geschichte gepasst, und mir gefiel der blau-graue Farbton, der die grimmige Realität passend widerspiegelt. Ein weiteres Gewicht erhält die Graphic Novel dadurch, dass Barbara Yelin von dem Nachlass ihrer Großmutter inspiriert wurde - so wirkt die Geschichte näher an der historischen Realität.


Fazit


Eine mitreißende, emotional aufgeladene Geschichte - das ist "Irmina". Als Comic reflektiert die Geschichte aktuelle, historische Fragen wie auch mögliche Antworten auf diese. Die Entwicklung der Figur Irmina von der hoffnungsvollen selbstbestimmten Frau zur nach Wohlstand strebenden Mitläuferin wird greifbar skizziert, sodass der Leser selbst zum Nachdenken angeregt wird - hätte es auch anders kommen können? Besonders die Emotionen, die in jeder Handlung des Charakters mitschwingt, sorgen für ein intensives Leseerlebnis.

Irmina
  • Titel: Irmina
  • Autor: Barbara Yelin
  • Verlag: Reprodukt
  • Preis: 39,00€
  • 288 Seiten, farbig, Hardcover

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