Mittwoch, 11. Juli 2018

German Calendar No December - Sylvia Ofili, Birgit Weyhe

Olivia will ein abenteuerliches Leben führen. Dafür verlässt sie ihr Elternhaus und geht in Lagos, Nigeria auf ein Internat, doch dieser Ort entspricht dem, was sie aus Internatsromanen kennt, überhaupt nicht. Sie muss lernen sich gegen ein System der Unterdrückung zu behaupten. Nach ihrem Abschluss geht sie nach Deutschland: Am Hamburger Hauptbahnhof lernt sie nicht nur gute Freunde kennen, sondern auch die deutsche Realität.


Meine Meinung

Bei "German Calendar No December" handelt es sich um einen own-voice Comic mit politischem Hintergrund. Das ist auch der Grund, warum ich diesen Comic unbedingt lesen wollte.

Zu Anfang fällt die wunderschöne Farbpalette auf: Der Comic bedient sich an dunklem, verblassten Grün und einem bräunlichen Orange, wie auch Braun für die Hautfarben der Protagonistin, ihrer Familie und später der Schulkameradinnen. Ich finde, dadurch hat Birgit Weyhe, die Zeichnerin, den Ton der Geschichte - geschrieben von Sylvia Ofili - perfekt getroffen. Sie betonen das Setting der Story,und zwischenzeitig habe ich die Hitze, in der die Mädchen in der Schule schuften mussten, fast selbst spüren können.

Ich mochte die Art und Weise, wie die Leser*in Olivia durch ihr Leben begleitet. Sie ist ein vollkommen normales Mädchen, das davon träumt, in eine größere Stadt zu ziehen und in ein Internat zu gehen. Die Realität sieht ganz anders aus: Auf der reinen Mädchenschule unterdrücken die Älteren die Jüngeren, und Olivia lernt schon früh, was Machtmissbrauch bedeutet und wie sie sich durchsetzen muss. Eine Eigenschaft, die sie später noch braucht. Allerdings wird die Geschichte mit so viel Ehrlichkeit und auch mal Humor erzählt, sodass der Unterhaltungsfaktor dabei gegeben ist.

Olivia ist die Tochter eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter. Ihre Mutter erzählt nie etwas von ihrer Heimat Hamburg, umso mehr wird Olivia vom "europäischen Traum" angezogen und möchte für das Studium nach Deutschland ziehen. Der innere Konflikt, den Olivia verspürt, kann jeder nachvollziehen, der zwischen zwei Kulturen aufgewachsen ist, allerdings spielen Hautfarbe und kontinentale Unterschiede und damit Colorism und Rassismus hier eine signifikante Rolle. In der Schule in Nigeria war sie eine "oyinbo" - sie war zu weiß im Vergleich zu ihren Mitschülerinnen, in Deutschland hingegen ist sie "schwarz". In Hamburg angekommen wird sie mit Fragen konfrontiert, die sich PoC immer wieder anhören müssen, wie "Wo kommst du her?" oder "Kann ich mal deine Haare anfassen?" Die Leser*in werden hier durch die Augen von Olivia sensibilisiert, die ihre eigene Erfahrung darstellt: Sie leidet darunter, die "Exotische" zu sein, ständig ge-othered zu werden und sieht es nicht ein, fremden Menschen Details aus ihren Leben zu verraten, nur um sich zu rechtfertigen.

In Deutschland ist nichts so, wie sie es sich vorgestellt hat. Um ihr Studium zu finanzieren, arbeitet sie in einer Bäckerei am Hamburger Hauptbahnhof, in der PoC verschiedner Herkunft arbeiten. Sie freundet sich mit diesen an und sie tauschen sich über ihre Erfahrung aus. Diese Geselligkeit und der Zusammenhalt steht im Kontrast zur deutschen Engstirnigkeit und Bürokratie, die hier anhand des Chefs des Bahnhofs kritisiert wird.

Fazit



Der own-voice Comic "German Calendar No December" schafft zwei Dinge: Zu unterhalten und zu sensibilisieren. Die Leser*in begleitet Olivia von ihrer Kindheit bis zu ihrem Studium. Diese kurzweilige Geschichte setzt sich kritisch mit einem naiven Traum, Machtmissbrauch, wie auch Alltagsrassismus und Moralität auseinander. Gerade für Leser*innen, die sich mit den Erfahrungen von PoC - in diesem Fall einer WoC - auseinandersetzen wollen, ist dieser Comic eine gute Möglichkeit.

German Calendar No December
  • Titel: German Calendar No December
  • Autor*innen: Sylvia Ofili, Birgit Weyhe
  • Übersetzung: Benjamin Midlner
  • Verlag: avant
  • Preis: 22,00€
  • 168 Seiten, vierfarbig, Softcover
Vielen Dank an avant für das Rezensionsexemplar!

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