Sonntag, 12. August 2018

Du wolltest es doch - Louise O'Neill, #metoo

TW: Vergewaltigung, Victim Blaming, Slut Shaming.

Emma nutzt jede Gelegenheit, um im Mittelpunkt zu stehen. Sie weiß, dass sie schön ist und genießt es, wenn man ihr sagt. Nicht selten testet sie die Grenzen aus, um jemanden zu verführen. Das ändert sich schlagartig, als sie mit einem zerrissenen Kleid und Brandblasen vor ihrem Zuhause aufwacht. Sie hat mit Paul geschlafen und auch Pillen hat sie eingeworfen, da waren noch andere Jungs - doch an viel mehr erinnert sie sich nicht. Es existieren jedoch Fotos und Videos... Sie ist aber selbst schuld, oder? Wenn man mit einem kurzen Kleid auf Partys geht und Drogen nimmt - was hat sie anderes erwartet?


Emma, ein Mädchen wie wir alle

Schon als ich davon gehört habe, wusste ich, dass es ein schwieriges Buch wurde. Als mich dann der Brief vom Verlag erreichte, musste ich erst einmal schlucken. Ich bin jemand, den schnell so etwas mitnimmt, weshalb ich bei Trigger Warnungen drei Mal überlege, ob ich mich damit konfrontieren will. Bei "Du wolltest es doch" von Louise O'Neill habe ich mich getraut - nicht zuletzt, weil Mareike von Crow und Craken hinter dem Buch steht, das ein Beitrag zu #metoo darstellt.

Emma ist ein Mädchen, das hätte ich in der Schule gehasst. Sie ist hübsch und beliebt, und ihr scheint es hervorragend zu gehen. Sie kann gemein sein, aber trotzdem scharen sich die Jungen um sie. Sie ist unsympathisch. Da fällt es einem leicht, sie zu verurteilen.
Mein Teenager-Ich war dazu konditioniert, feindlich und sexistisch gegenüber ihr eigenes Geschlecht zu sein. Sie hatte geglaubt, sie würde männliche Aufmerksamkeit benötigen. Jedes andere Mädchen war eine Konkurrenz. Heute bin ich froh, dass ich solche internalisierte, toxische Eigenschaften abtrainiere und "es besser weiß" - ich bin immer noch dabei, dazu zu lernen.
Auch wenn Emma eines dieser Mädchen ist, die man nicht mag, so finde ich es vollkommen nachvollziehbar, dass sie sich benimmt, wie sie sich benimmt. Sie hält ihre Freundinnen für Konkurrentinnen - sie muss schöner sein als sie, beliebter, und muss natürlich besser bei den Jungen ankommen. Ihr Selbstwertgefühl hängt davon ab. Emma glaubt, sie würde die männliche Aufmerksamkeit benötigen. Alles, worauf sie sich verlässt, ist ihr Aussehen. Kein Wunder - bei einer Mutter, die wahnsinnig viel davon hält, immer den Schein zu bewahren und "perfekt" zu sein und bei einem Vater, der sie immer noch für ein kleines Mädchen hält, ist der Druck, der auf Emma lastet, groß. Sie glaubt nichts wert zu sein, wenn sie ihr Aussehen nicht hat. Über andere Werte - wie Freundlichkeit oder Loyalität - darüber denkt sie nicht viel nach, weil man ihr nicht beigebracht hat, dass so etwas wichtig ist.

Dieses Verhalten - bestimmt von gesellschaftlichen und patriarchalen Werten - ist etwas, was sich Emma antrainiert hat und schlussendlich das ist, was ihr zum Verhängnis wird. Denn diese Werte sind vollkommen widersprüchlich. Emma ist ein hübsches Mädchen - aber weil sie Jungen verführen will, bedeutet es, dass sie es "gewollt haben muss", dass man sie vergewaltigte. Weil sie ein kurzes Kleid anhatte, bedeutet es, dass sie ihre Zustimmung gegeben hatte. Dass sie bewusstlos war, als sie mehrere Jungen vergewaltigt wurde, schien niemanden aufzufallen. Was hatte sie denn erwartet? Sie hatte schließlich vorher schon einvernehmlichen Sex gehabt - das muss doch heißen, dass sie die Gruppenvergewaltigung doch wollen musste?

Nein.

Dieses Buch ist brutal ehrlich und direkt. Es schockierte mich, wie einige Situationen dargestellt wurden. "Es ist nur ein Buch" trifft hier nicht zu. Es ist so schockierend, gerade weil die Realität genauso ist. Wir leben in einer Vergewaltigungskultur (Rape Culture). Wir fragen nicht, wer vergewaltigt hat. Wir fragen, was das Opfer anhatte. Weil das Opfer angeblich selbst schuld ist, sie hätte ja auch ein längeren Rock anhaben können, dann wäre das nicht passiert. Wir fragen, ob sie etwas genommen hätte. Wenn sie besser aufgepasst hätte, wäre ihr das nicht passiert. Aber wie soll eine Person ihre Zustimmung geben, wenn sie bewusstlos ist? Ist der Fall nicht eigentlich klar?

Offenbar nicht, und das macht dieses Buch deutlich. Emma will, dass alles so ist, wie vorher. Verständlich. Sie wollte wieder die hübsche, verführerische Emma sein, mit ihren Kindheitsfreunden wieder herumalbern und auf Partys gehen. Es musste ein großes Missverständnis sein, denn ihre Kindheitsfreunde (!!) hätten ihr das unmöglich antun können. Deshalb bestreitet sie zunächst, dass sie vergewaltigt wurde. Weigert sich, medizinisch untersucht zu werden. Doch als sie ihre Aussage ändert, wird sie als Lügnerin beschimpft. Man beschuldigt sie, das Opfer, weil sie ja sowieso sexuell freizügiger ist.

Niemand glaubt ihr. Weil sie "unsympathisch" ist. Aber dabei sollte das keine Rolle spielen! Wir sollten lieber hinterfragen, warum ein Mann über eine Frau seine Macht ausübt. Warum wir das akzeptieren, und sagen "boys will be boys." Warum hinterfragen wir nicht dieses toxisch männliche Verhalten? Haben wir uns daran gewöhnt, dass Frauen ständig auf sich allein gestellt sind? Angst haben müssen, nachts alleine nach Hause zu laufen? Sich drei Mal überlegen, ob sie Alkohol trinken? Und selbst wenn sie das alles nicht macht, wer kann ihr garantieren, dass sie nicht trotzdem beschuldigt wird?

Erfahrungen, die nicht einmalig sind

Ich bin kein Rape Survivor, aber auch ich nehme den Schlüssel zwischen meine Finger, wenn ich nachts nach Hause laufe. Auch ich greife zum Telefon, um eine Freundin anzurufen, wenn ich alleine unterwegs bin und ich merke, dass ein Mann hinter mir herläuft. Fühle mich unwohl, wenn eine Gruppe von Männern an der Bushaltestelle stehen oder im Bus sitzen, und ich bin die einzige Frau. Männer haben meine körperliche Grenze überschritten, mir gesagt, dass ich lächeln soll und mich "Schlampe" genannt, weil ich sie abgewiesen habe. So fängt es meistens an.

Ich bin nicht die einzige.

Der Konflikt, den Emma durchlebt, hat mich am meisten mitgenommen. Sie wollte keine Anzeige erstatten, weil sie die Leben dieser Jungen nicht zerstören wollte. Sie gibt sich die Schuld dafür, dass ihre Familie zusammenbricht. Sie ist nicht in der Lage, Hilfe anzunehmen, weil sie so tief in ihrer Depression steckt. Und die Leute, die ihr zur Hilfe kommen könnten, tun es nicht. Sie verstehen die Situation nicht, und das Buch zeigt, wie gefährlich dies sein kann.

Emma ist ein normales Mädchen - und auch eine Überlebende. Allerdings hat sie nicht die Energie, ein "Vorbild" zu sein für andere Mädchen, die in der gleichen Situation sind. Dementsprechend endet das Buch sehr trostlos. Umso wichtiger ist es, es zu lesen. Wir müssen die Augen öffnen. Unser Verhalten stets hinterfragen. Kleidung oder Alkohol sind keine Zustimmung und schon gar nicht ein Grund, jemanden zu beschuldigen. Und egal wie unsympathisch jemand ist, wir wissen trotzdem nicht, was in ihnen vorgeht - weshalb wir vorsichtig damit sein sollten, bevor wir denjenigen verurteilen.

Fazit


"Das Buch ist hart. Und gut. Aber hart. Warum man das Buch trotzdem lesen sollte? Weil nicht jeder Rape Survivor das sympathische Mädchen von neben an ist, und man lernen muss, dass auch diese Mädchen keine Schuld an ihrer Vergewaltigung tragen. Dieses Buch ist meiner Meinung nach der wichtigste Beitrag des Jahres im Jugendbuchbereich zum Thema #metoo und Rape Culture!" - Mareike von Crow and Craken

Diesem Zitat von Mareike möchte ich mich anschließen. Dieses Buch weckt das Bewusstsein, so unangenehm es sich auch anfühlt. Es zeigt die Realität auf, vor der man oft die Augen verschließen will. Es zeigt auf, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Überlebende von Vergewaltigungen immer noch darum kämpfen müssen, gehört zu werden. Dieses Buch ist eine Stimme, die gehört werden kann und sollte. Es ist ausnahmsweise mal nicht etwas, wohin man sich flüchten kann. Aber gerade das macht dieses Buch so stark und wichtig - ein Grund, warum ich es gar nicht aus der Hand legen konnte.

Überblick


Titel: Du wolltest es doch

Original: Asking For It
Autorin: Louise O'Neill
Übersetzung: Katarina Ganslandt
Verlag: Carlsen
Preis: 18,00€
368 Seiten, ab 16 Jahren

Vielen Dank an Carlsen für das Leseexemplar!

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