Sonntag, 5. August 2018

Fantasy, der man zuhören sollte: Children of Blood and Bone


Vergangenen Sonntag fand unsere Bookplanetarium Live-Show zu "Children of Blood and Bone" statt - wie auch schon mal zu zwei Comics, die wir in der Show besprochen haben, möchte ich auch hier nochmal einige weiterführende Gedanken zusammenfassen.


Vermutlich ist es eines der meist gehypten Bücher in diesem Jahr. Der Roman von Tomi Adeyemi ist bei S. Fischer erschienen und sticht auf den ersten Blick besonders durch das Cover hervor, auf der eine entschlossene Protagonistin mit silbernen Haar und dunkler Haut zu sehen ist. Mich hat diese Aufmachung sofort angesprochen, genauso wie das Marketing, das sowohl im englischen als auch im deutschen Raum dafür betrieben wurde. Eine Fantasywelt, die sich an die Länder in Afrika, besonders an Nigeria, anlehnt und sich an Elementen der Yoruba-Religion bedient. Aber nicht nur diese Bausteine wurzeln in der Realität: Auch die Handlung spiegeln die Erfahrung der Autorin, der schwarzen Gemeinschaft und ihre Geschichte wider.

Ein Fantasybuch, in der es um die schwarze Kultur geht. Für uns in Deutschland ist es wahrscheinlich etwas ungewöhnlich, aber das sollte umso mehr reizen. Ich wusste, dass ich es unbedingt lesen musste. Nicht nur, weil ich das Konzept spannend finde, zumal es sich hier eindeutig um ein own voice Roman handelt, der die verdiente Aufmerksamkeit bekommt, sondern auch, weil ich mit der Erwartung an dieses Buch herangegangen bin, dass ich etwas daraus lerne.

Und ich habe viel gelernt. Mit ein wenig Vorwissen konnte ich mich einigermaßen durch den politischen Kommentar navigieren, aber von einer own voice Autorin zu lesen ist noch einmal eine neue Erfahrung. Adeyemis Perspektive auf Sklavengeschichte, Colorism (Diskriminierung von Schwarzen aufgrund der Hautfarbe innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft) und rassistische Beleidigungen sind nahtlos in "Orisha" eingebunden und sorgen nicht nur für einen dichten Weltenaufbau, sondern spielen auf so stark auf die Realität an, dass man sofort Vergleiche ziehen kann und sollte. Das ist das, was "Children of Blood and Bone" zur guter Fantasy macht - verwurzelt in unserer Welt, mit der Chance, einen politischen und sozialen Kommentar zu verarbeiten, der meiner Meinung nach sehr eindrucksvoll ist.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass viele Fantasyromane von heute diesen Aspekt vergessen. Das, wozu Fantasy gedacht ist: Nicht nur, um in fremde Welten abzutauchen, sondern auch, dass diese Welten unsere widerspiegeln. Fantasy gibt uns die Möglichkeit, das zu sagen, was sich sonst nicht sagen lässt, was man nicht sagen darf, und was man sagen sollte. 


Es ist deshalb ein wenig schade, dass auf die Autorin auf der restlichen erzählenden Ebene noch einige Defizite aufweist. Die Charakterentwicklung der Protagonist_innen ist nicht immer nachvollziehbar, viele Handlungselemente wirken wie eingeschoben - genauso wie die Liebesgeschichten, die einen sehr konstruierten Eindruck machen, gerade, weil sie so schnell passieren. Da das Buch auch einen Umfang von 600 Seiten hat und auch eine Trilogie geplant sein soll, hätte man sich mit vielen Elementen der Story Zeit lassen können, um sie ins nächste Buch hineinzutragen. So hätte sich die Entwicklung viel natürlicher angefühlt - und die Handlung wäre nicht so überfüllt gewesen. Zudem schafft sie es trotz der Menge an Handlungselementen, dass sich die Story an einigen Punkten zieht - da hätte vielleicht eine Lektor*in besser drüber schauen sollen.

Dennoch sind das Dinge, die mich wenig stören, wenn ich an das Gesamtbild denke. Schließlich ist es auch "nur" ein Debütroman, und es wäre unfair von Adeyemi zu erwarten, "nur", weil sie die "Erste" ist, die mit so einer Art ihren Durchbruch feiert, gleich die ganze Last auf ihre Schulter zu laden. Selten gelingen Autor*innen beim ersten Mal das perfekte Buch. Was nicht heißt, dass sie nicht kritisiert werden sollte - schließlich möchte sie sich als Autorin weiterentwickeln und es beim nächsten Mal besser machen. Aber wenn ich daran denke, wie viele Fantasyromane dieser Art erfolgreich sind, ohne ein starkes politisches Statement auf die Bühne zu bringen wie Adeyemi es tut, dann sollte ihnen ebenso die gleiche Kritik zuteil werden. Ich habe das Gefühl, gerade, weil dieses Buch so gehypt wird, ist es umso härterer Kritik ausgesetzt.

Ich finde, dieses Buch ist hervorragend dafür geeignet, wenn jemand etwas dazu lernen und sich politisch sensibilisieren möchte. Besonders das Nachwort der Autorin ist stark und rührend, und erinnert, welcher schrecklichen Realität PoC, vor allem BPoC in den USA jeden Tag begegnen müssen.

Zuhören ist ein guter Anfang. Und Tomi Adeyemi erzählt uns eine Geschichte. Sie spielt in einer Fantasywelt, die unserer gar nicht so unähnlich ist. Und das ist das, was dieses Buch so stark und wichtig macht. Ich habe zugehört und möchte euch ebenso dazu animieren, zuzuhören. Und ich bin schon gespannt, was sie und andere über ihre Erfahrung zu erzählen haben.


Children of Blood and Bone - Goldener Zorn
Band 2: Voraussichtlich 2019
Band 3: ?
  • Titel: Children of Blood and Bone - Goldener Zorn
  • Autoren: Tomi Adeyemi
  • Übersetzung: Andrea Fischer
  • Verlag: Fischer FJB
  • Preis: 18,99€
  • 624 Seiten, gebunden
  • Ab 14 Jahren
Vielen Dank an S. Fischer für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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