Mittwoch, 5. September 2018

Vox - Christina Dalcher

Wie hatte es so weit kommen können? Diese Frage stellt sich Jean McCellan, eine Wissenschaftlerin, seitdem die Regierung angeordnet hat, dass Frauen nur noch 100 Worte am Tag sprechen dürfen. Seit etwa einem Jahr darf sie ihren Beruf nicht mehr ausüben und muss mit ansehen, wie ihrer Tochter nicht mehr Lesen und Schreiben beigebracht wird, wie ihr Sohn immer weiter die ultrarechten und "traditionellen" Werte indoktriniert bekommt. Als sich ihr eine Chance bietet, etwas zu verändern, ergreift Jean diese - und versucht damit, ihre Stimme dieses Mal wirklich zu nutzen.

Wenn man dir die Sprache und die Stimme nimmt

Die Parallelen zu The Handmaid's Tale bzw. Der Report der Magd von Margaret Atwood, einem dystopischen Roman aus den 80er Jahren, sind sichtbar - Vox integriert diese Parallelen auch in sein Marketing ein. Doch ist dieser Roman ein bloßer Abklatsch des Science Fiction-Klassikers? Das bezweifle ich stark.

Die Gemeinsamkeiten sind schnell zu erkennen. In beiden Geschichten kommt eine extremistisch-christliche, von Männern dominierte Regierung an die Macht. Frauen werden enteignet, ihre Besitztümer gehen an den nächsten männlichen Verwandten oder Ehemann, in Handmaid's Tale werden den Frauen ihre Namen genommen, in Vox ihre Stimme. Die Prämisse deckt sich größtenteils, und auch das Ende weist viele Gemeinsamkeiten auf.

Dennoch unterscheidet sich die Ausführung grundlegend, von welcher die Atmosphäre beeinflusst wird. Bei Atwood existiert sogar unter den Frauen eine Hierarchie; in Vox sitzen alle im selben Boot. Zudem wird Atwoods Roman von der Angst vor der Sterilität geprägt, die eine maßgebliche Rolle in ihrem Roman spielt, was größtenteils der Zeit geschuldet ist, in welcher das Buch erschienen ist - sinkende Geburtenraten durch die Einführung der Pille waren für die rechte Sparte der Gesellschaft ein Grund zur Sorge. Dalchers Roman ist ebenso Kind seiner Zeit, die unsere Zeit widerspiegelt. In einer Gesellschaft von aufstrebenden Rechtsradikalen, in der gleichzeitig die Stimmen von marginalisierten Gruppen lauter werden, werden diese in Vox zum Schweigen gebracht.

Natürlich ist Atwoods Roman als Klassiker, aber nicht zwangsläufig als Maßstab für alle dystopischen Romane, die weibliche Unterdrückung behandeln, zu sehen. Vox habe ich als alleinstehenden Roman sehr genossen, wenn auch die Parallelen zur Realität erschreckend waren. Der Roman spielt in einer Zukunft, die nur wenige Jahre von unserer Gegenwart entfernt ist.

Der Aspekt der Neurolinguistik ist das, was den Roman für mich so spannend und innovativ macht. Mir haben die Einblicke gefallen, die wir durch Jean, die in diesem Bereich forscht, bekommen. Die Fachbegriffe waren meiner Meinung nach nicht störend und haben sich nahtlos in die Erzählweise eingegliedert. Somit beschäftigt sich die Geschichte auch mit Spracherwerb und -aufbau, wichtige Faktoren vor allem für Kinder, und wie sich ein nicht-Gebrauch von Sprache auf ihre Entwicklung auswirkt. Spannend, aber erschreckend zugleich, wenn man bedenkt, dass Kindern nach einigen Monaten bereits das Armband angelegt wird, das ihre Wörter zählt.

Wenn auch das World Building Lücken aufweist (was wiederum eine Detailfrage ist), so beschreibt Dalcher die Konsequenzen für die Gesellschaft, welche durch die Stummschaltung der Hälfte der Bevölkerung erfolgen, nachvollziehbar. Arbeits- und Fachkräfte fehlen, nicht jede Frau ist die geborene Hausfrau, usw. Zudem wurde die Schulbildung angepasst, und es ist erschreckend zu sehen, wie leicht sich verdrehte Vorstellungen indoktrinieren lassen, was Dalcher am Beispiel von Jeans ältestem Sohn, Steven, illustriert. 

Besonders beschäftigt sich der Roman mit Fragen wie "Was wäre wenn..?" und mit solchen Wohlfühl-Ausreden wie "Das wird doch niemals passieren!", die mir - und wahrscheinlich vielen anderen - nicht unbekannt sind. Jean reflektiert ihr vergangenes Verhalten, z.B. dass sie nie zur Wahl gegangen ist. Die Schuld tragen nicht nur die 'bösen Männer" - Passivität ist jedem zuzuschreiben, und genau das wird hier kritisiert. Das regt zum Nachdenken an, gerade, weil die hier dargestellte Zukunftsvorstellung nicht immer die Zukunft abbildet, sondern vieles mit der Gegenwart teilt.

Allerdings wirkte in diesem Roman einiges konstruiert. Für mich gab es einfach zu viele Zufälle. Dafür, dass die Wernicke-Aphasie eine seltene Krankheit ist, leiden viele Menschen bei Vox darunter. Zudem war das Ende für mich nicht ganz plausibel, es ging zum einen viel zu schnell und zum anderen wirkte es nicht so durchdacht wie der vorherige Teil der Geschichte.

Fazit

Der Roman macht deutlich: Nutze deine Stimme, lasse keine Chance vergehen. Denn aus einem "Das passiert niemals!" wird ein "Hätte ich doch..." Auch wenn die Geschichte an einigen Stellen etwas konstruiert wirkt, so fesselt die Erzählweise einen von Anfang bis Ende, vor allem, weil man sich in der Geschichte oft wieder erkennt und sie dazu einlädt, zu reflektieren.

Ich danke S. Fischer für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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Überblick

Titel: Vox
Autorin: Christina Dalcher
Verlag: S. Fischer
Preis: 20,00€
400 Seiten

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