Donnerstag, 28. Februar 2019

Hank Green - Ein wirklich erstaunliches Ding


April May ahnt nicht, wie sehr sich ihr Leben verändern würde, als sie auf einer Straße in New York eine Roboter-Skulptur entdeckte, sie filmte und ins Netz stellte. Am nächsten Tag erwacht sie als eine Berühmtheit, jeder will sie in ihrer Fernsehsendung haben - denn CARL, wie sie die Roboter-Skulptur getauft hat, ist in jeder Region der Welt aufgetaucht und niemand weiß, woher die Carls kommen und was sie wollen. April steigt auf die Welle ihrer neugewonnenen Popularität, ihre Videos werden millionenfach angeklickt, doch neben Likes und Aufmerksamkeit muss April erkennen, dass alles seine Schattenseiten hat...

#shitstorm

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Aber ich habe nicht erwartet, dass ein Buch die gesellschaftliche Lage, in der wir uns im Hier und Jetzt befinden, so gut aufgreifen kann: Digital Natives, Gesellschaftskritik, Politik - Hank Green verpackt all dies in einem spannenden, für mich tiefgründigen Roman, der sich einfach so weglesen lässt. Streng genommen müsste der Roman in das Genre Science Fiction einzuordnen sein, jedoch "liest" sich die Zeit, in welcher er spielt, sehr gegenwartsnah, wobei keine "reale" Figur auftaucht, sondern diese durch eine fiktive ersetzt wird (z.B. das Präsidentenamt der USA).

April May ist 23 Jahre alt - also genauso alt wie ich - und hat auch studiert - also genau wie ich - und weiß trotzdem nicht so recht, was sie zukünftig machen will - genau wie ich. Es ist erschreckend, wie viel ich von mir selbst in April wiedergefunden habe, deswegen ist ihre Reise in diesem Buch so unglaublich nachvollziehbar, sowohl in der Charakterentwicklung, als auch manchen ihrer Handlungen. Für mich hat sich April wie eine richtige Anfang-Zwanzigerin gelesen, die popkulturellen Referenzen waren nicht veraltet (wie man bei manchen Autor*innen denken könnte, die älter als ihre Protagonist*innen sind) und ihr Durst nach Aufmerksamkeit, vor allem durch soziale Medien, war nicht zu weit hergeholt, sondern absolut selbstverständlich, gegeben ihres Charakters, aber auch verglichen mit der Art und Weise, wie manche "Digital Natives" heute mit sozialen Medien umgehen. Allerdings war es auch erschreckend mit anzusehen, wie sehr sich April hat davon einnehmen lassen, vielleicht auch nur, weil dies in der Realität auch so sein könnte.

Das Buch ist vollgepackt mit Witz und Anspielungen an den genau richtigen Stellen. Es stimmt da einen ersten Ton an, wann April realisiert, dass Ernsthaftigkeit angemessen ist - was vor allem daran liegt, dass April in Ich-Form aus der Retrospektive erzählt. Die Ereignisse sind alle schon passiert, und April reflektiert über ihr eigenes Verhalten, das nicht immer richtig war. Sie klingt zwar nicht wehmütig, sondern schubst damit Leser*innen eine bestimmte Denkrichtung für die nächste Szene. Das hat zufolge, das man vorbereitet hineingeht, allerdings ist der "Ausmaß" der Szene trotzdem noch voll gegeben, weil April eindeutig viele wirklich, wirklich unkluge Entscheidungen trifft. Als Leser*in schaut man da echt etwas hilflos zu, und ärgert sich extrem, auch wenn die Zukunfts-April nun schlauer ist. Ich habe so richtig mitgefühlt, und genau das möchte bei einem Buch - mich so tief darin verlieren.

#thecarlsarecoming

Ernsthaftigkeit ist da gegeben, wo April in eine heikle Situation gerät, die Konsequenzen mit sich zieht. Und alles, was April tut, hat ihre Konsequenzen - das finde ich gut gelöst. Selbstverständlich ist ein weltweites Auftauchen Roboter-Skulpturen die Angelegenheit von Gesellschaft und Politik, worüber sich April manchmal nicht bewusst ist. Bis plötzlich die Präsidentin der USA sie kontaktiert und eine Gruppe namens "Defenders" Gegenposition zu April beziehen. Denn April ist der Meinung, die CARLs seien friedlich, während die Defenders von einer Invasion sprechen und Angst verbreiten. Damit wird das Buch zutiefst politisch. Aktuelle Diskurse wie Rassismus, die sogenannte "Fremdenfeindlichkeit" finden hier Ausdruck, und ziehen extreme Konsequenzen mit sich. Ein Zwiespalt der Bevölkerung führt zu einer Radikalisierung beider Seiten, für die April nicht ganz unverantwortlich ist - im Gegenteil, hier wird gezeigt, welche Rolle soziale Medien spielen, und es ist erschreckend, wie manche Reaktionen auf die reale Situation in der Gesellschaft übertragbar sind. Taten aus Hass, Terrorismus - das Buch geht an die Grenzen, wobei der Autor hier auch differenziert, und nicht alle Menschen über einen Kamm schert.

Der Science Fiction Ansatz kommt zum Einsatz, als April und ihre Freunde, und später auch eine Gruppe namens "Dreamers", versucht, Codes zu entschlüsseln, welche ihnen die Carls geben. Hier werden Dinge wie digitale Vernetzung und wissenschaftliche Fakten kombiniert, und ich habe sogar dazu gelernt (ich wusste nicht, dass in Rauchmeldern ein radioaktives Metall verbaut ist). Dieses Rätsel-Spiel hat Spaß gemacht zu verfolgen und hat sie manchmal ernste Atmosphäre in der Handlung aufgelockert. Diese Abschnitte sind zudem diejenigen, in denen Aprils Beziehung zu anderen Menschen am deutlichen hervortritt, und an denen man gesehen hat, inwieweit April sich als Charakter weiterentwickelt.

Mir hat außerdem gefallen, wie absolut selbstverständlich April mit ihrer Bisexualität umgeht, was im krassen Kontrast zur "Fame"-Welt steht, in welcher man sie biphobisch dazu zwingt, sich für eine Ausrichtung zu entscheiden. Ich hätte mir nur an dieser Stelle mehr Reflexion von Aprils Seite gewünscht, weil mich ihre Reaktion "ach, okay, machen wir dann so" etwas verwunderte und dann verärgert hat. Doch dieses Beispiel illustriert ganz gut, dass jede Entscheidung, die April trifft, Folgen hat, gerade weil sie im Rampenlicht steht. April ist jedoch eindeutig bisexuell, da sie offenkundig romantisches Interesse an zwei Geschlechter zeigt, und über so eine positive Darstellung habe ich mich sehr gefreut!

Fazit

Eine Überraschung - das ist Ein wirklich erstaunliches Ding von Hank Green für mich. Mit Ernsthaftigkeit und Witz an den richtigen Stellen greift das Buch aktuelle gesellschaftliche und politische Diskurse auf, ohne mit erhobenen Zeigefinger darüber zu lehren, vielmehr wird durch den subjektiven Blick der Protagonistin April May gezeigt, welche realen Auswirkungen bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen haben kann. Der Science Fiction Ansatz täuscht nicht über die Aktualität hinweg, sondern betont diese sogar. Ein wirklich erstaunliches Ding ist ein tiefgründiger, aber vor allem spannender Roman, der sich kaum aus der Hand liegen lässt.

Ich danke dtv für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.


Überblick

Titel: Ein wirklich erstaunliches Ding
Autor: Hank Green
Übersetzung: Katharina Ganslandt
Verlag: dtv bold
Preis: 22,00€
448 Seiten, Hardcover

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