Sonntag, 7. April 2019

Darüber, ständig unter Strom zu stehen


Entweder man geht in seiner Arbeit vollkommen auf, oder man gewöhnt sich einfach daran, dass so viel auf dem Stapel liegen bleibt und man den Überblick darüber verliert, dass sich der Stapel stetig vergrößert. So geht es mir seit ungefähr einem Jahr, als ich angefangen habe, für meine Bachelorabschluss-Prüfungen zu lernen. Und ich habe das Gefühl, ich habe diesen Tunnel immer noch nicht verlassen.
Ich würde behaupten, dass ich ehrgeizig bin. In der Schule hat es sich nicht besonders gezeigt, aber seit ich studiere, hat mir das Lernen eigentlich immer Spaß gemacht. Ich liebe den Moment der puren Begeisterung, der mich ergreift, wenn sich mir ein Sachverhalt erschließt. Ich studierte Geisteswissenschaften, genau genommen Geschichte und Literatur – aber spätestens seit nach meinem Bachelor-Abschluss fühle ich mich ausgebrannt. Vielleicht, weil diese intensive Lernphase, welche von März bis August andauerte, mich vollkommen ausgemelkt hat. Zuerst die mündlichen Prüfungen, dann das Semester mit noch einer letzten Hausarbeit, die geschrieben werden sollte, und anschließend meine Bachelorarbeit. Ich wollte unbedingt den Abschluss im Sommer schaffen, damit ich mein Master-Fach, das nur im Wintersemester anfängt, sofort danach studieren konnte. Ich habe ohnehin schon zwei Jahre zu lang studiert, weil ich zwischendurch die Uni und das Fach gewechselt habe. Mit 25 wollte ich einen Job und fertig sein mit der Uni.

Von allen Reihen kam nichts als Unterstützung. Kein Druck seitens meiner Eltern, oder sonstigen. Ich war diejenige, welche sich ständig ein Ultimatum stellte, weil ich gut und am besten noch besser sein sollte. Ich habe meine Abitur-Note bereits versaut, das sollte mit meinem Studium nicht passieren. Passierte es auch nicht. Im September schloss ich mein Bachelor of Arts mit einer 1,3 ab. Alles schön und gut, nur nicht ganz.

Viel Zeit für Erleichterung blieb nicht, denn ich startete im Oktober sofort in mein Masterstudium. Es ging von vorne los. Ich hatte Spaß an meinem neuen Studiengang. Das war nicht das Problem. Das Problem war, dass ich keine Energie mehr hatte.

Es blieb viel liegen, nicht nur auf dem Stapel, sondern auch all das, was mir Spaß macht. Freund*innen treffen, lesen und schreiben. Zumindest etwas zu lesen und zu schreiben, was außerhalb des akademischen Kontextes liegt. Mein Job erlaubte mir kaum noch, abends wegzugehen, und das war eigentlich auch egal, ich war nämlich zu müde. Immer. Es war ein Dauerzustand, egal zu welcher Tageszeit.

Ich habe es nicht bemerkt, bis ich meinen neuen Job angefangen hatte. Da arbeitete ich nämlich vormittags, aber an meiner Haltung hat sich nichts verändert. Es fehlte mir an Motivation, ich ärgerte mich über meine Passivität und konnte mich gleichzeitig nicht aufraffen, aktiv zu werden.

Der Gedanke, ständig produktiv sein zu müssen, lähmt. Ständig unter Strom zu stehen erlaubte mir weder gedanklich, noch körperlich, mich auszuruhen. Ständig summen etwas in deinem Kopf wie ein aufgeladener Draht. Ich war immer angespannt, was sich in Nacken- und Schulterschmerzen ausdrückte. Irgendwo ist noch etwas unerledigt, und irgendwann plagt dich dein schlechtes Gewissen, weil du nicht mehr die einfachsten Dinge hinbekommst. Der Stress würde niemals aufhören, davon war ich überzeugt.

Es fällt mir schwer, aber ich habe damit angefangen, mich zur Verantwortung zu ziehen. Schließlich bin ich diejenige, die sich ständig antreibt und sich keine Ruhe lässt. Es ist aber auch okay, sich Hilfe zu holen und Freund*innen darum zu bitten, dass sie dich daran erinnern, sich die Zeit auch zu nehmen, um sich zu entspannen. Die Gedanken rotieren wie in einer nicht aufhörenden Achterbahn, und es tut keinem weh, wenn man ein paar Mal den Bremshebel zieht.

Das versuche ich jetzt – ich ziehe den Bremshebel. Wenn ich merke, dass mich die Menge an Arbeit anfängt zu belasten, versuche ich Abstand zu nehmen. Ich werde versuchen, für mich Methoden zu entwickeln, abzuschalten. Es geht mir hierbei gar nicht um ein Digital-Detox oder ein Wellness-Wochenende – es geht vielmehr darum, das Tempo im Alltag zu verlangsamen und Dinge bewusster wahrzunehmen – oder weniger bewusster wahrzunehmen. Prioritäten zu setzen, denn wenn ich mich so ausgebrannt fühle, habe ich sie in im vergangenen Jahr nicht ganz richtig gesetzt.

Kommentare:

  1. Liebe Sanne,

    es kommt der Punkt, da geht nichts mehr und ich denke, den hast du glücklicherweise abwenden können. Du hast die Anzeichen richtig gedeutet und ich hoffe sehr für dich, dass du Wege und Mittel findest zur Ruhe zu kommen.

    Ich drücke dir die Daumen.

    Liebe Grüße
    Tina

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    1. Liebe Tina,

      danke dir!
      Es ist momentan schwierig, da ich für die Uni viel zu tun habe und auch viel arbeite, aber ich werde immer besser, mir Pausen zu nehmen, auch wenn ich dafür etwas schleifen lassen muss. Ich hoffe aber, dass es nach dem Umzug einfacher wird, dann ist ein Teil der Belastung auf jeden Fall weg!

      Liebe Grüße
      Sanne

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