Mittwoch, 10. April 2019

Marisha Pessl - Niemalswelt



Was wäre, wenn du darüber abstimmen müsstest, wer überlebt? Genau vor dieser Frage steht Beatrice, als sie nach Jahren ihre ehemaligen Freund*innen in einem Herrenhaus trifft, sie gemeinsam in einen Autounfall verwickelt werden und feststellen müssen, dass sie gar nicht mehr wirklich leben. Sie befinden sich in der Niemalswelt - in einer Zeitschleife von 11,5 Stunden, in welcher sie entscheiden müssen, wer von ihnen fünf als einzige*r überleben darf. Der Schlüssel liegt im ungeklärten Todesfall ihres Freundes Jim, der vor fünf Jahren die Freundschaft aller auseinander riss...

Die Wache beginnt

Eine Welt zwischen Leben und Tod, welche nach und nach vermodert? Zerrüttete Freundschaften, Geheimnisse, unerwiderte Liebschaften? Man könnte sagen, Niemalswelt von Marisha Pessl enthält jede Zutat, die ein spannendes Buch braucht. Leider schmeckt das Buch nach dem Beenden etwas zu wenig gesalzen und fad, als hätte ich so etwas etliche Male schon gelesen.

Dabei fängt es super an, und das Konzept, das mir vorgestellt wurde, begeistert mich. Beatrice muss sich einem Trauma stellen, sich überwinden, zu ihren alten Freund*innen zu gehen. Wenig später werden sie, Whitley, Martha, Cannon und Kipling vor eine Abstimmung gestellt: Sie alle befinden sich auf der Schwelle zum Tod, und nur eine*r kann überleben. Natürlich fangen alle an durchzudrehen und wollen auch gar nicht wahrhaben, was passiert. So verläuft eine Wache - eine Schleife, die 11,5 Stunden andauert, bis sie wieder von vorne beginnt und alle wieder an der gleichen Stelle aufwachen - und Beatrice, die anscheinend die einzige ist, die einen kühlen Kopf bewahrt, muss irgendwie herausfinden, wie sie alle zur Vernunft bringen kann. Schnell wird klar, dass sie nur zu einer Abstimmung kommen können, wenn sie das auflösen, was zwischen allen steht: Jims Tod.

Jim, Beatrices Freund, der anscheinend eine anziehende Wirkung auf alle ausgeübt hat - so ein richtig unwiderstehlicher Künstler, der "TOXISCH" wie eine Leuchtreklame mit sich herumträgt. Eifersucht, Drogen, Partys - das wird alles in einen Topf geworfen und spiegelt die Probleme der jungen Erwachsenen wider, mit denen wir es im Buch zu tun haben. Schade, dass mich diese "Probleme" als Leserin nirgendwo abgeholt haben, denn wenn ich ehrlich bin, interessieren mich die Probleme von reichen, weißen und privilegierten Neunzehnjährigem, die auf Elite-Unis gehen, nicht wirklich. Zumindest nicht in diesem Buch.

All ihre Konflikte drehen sich um ihr perfektes Leben, das - oh Wunder - gar nicht so perfekt ist, und jetzt müssen sie damit klarkommen, dass ihre Handlungen auch Konsequenzen haben. Sie bekommen plötzlich nicht alles, was sie wollen. Es wird zwar versucht, eine Identifikationsebene zu schaffen, vor allem durch Beatrice, die durch ihre Eltern aus der Mittelschicht weniger privilegiert ist als die anderen, aber selbst sie ging mir irgendwann auf die Nerven, und erinnerte mich an die Protagonistinnen, die vor ein paar Jahren total 'in' waren. Also die Mädchen, "die nicht wie andere Mädchen sind", mit unscheinbarem, aber doch hübschen Gesicht; die eigentlich total perfekt, aber zu schüchtern sind.

Keiner der Charaktere war mir sympathisch. Das müssen sie auch gar nicht immer sein, aber das Buch soll seine Wirkung eigentlich erst durch die Identifikationsebene entfalten. Und die hat mich leider komplett verfehlt. Den Charakteren werden selten (zwischen-)menschliche Momente gewährt, sie bleiben bloß skizzenhaft und stereotyp.

Dabei hätte das Buch auf andere Weisen glänzen können. Es hätte sich mehr auf diese unheimliche, düstere Stimmung konzentrieren, mehr Fokus auf das Paranormale legen können. Da es sich bei den Protagonist*innen um junge Erwachsene handelt, die nicht mehr zur Schule gehen, hätte man in dieser Hinsicht noch einiges rausholen können.

Ich habe ab ca. Seite 300 überlegt, mir die restlichen 80 Seiten zu schenken, weil die Handlung komplett wirr wurde und ich das Gefühl hatte, dass sie ziellos in verschiedene Richtungen verlief, als hätte die Autorin ihren Fokus verloren. Meine Neugier auf die Aufklärung von Jims Tod, sowie auf das Ergebnis der Abstimmung haben mich dann doch noch dazu bewegen können, zumindest die letzten Seiten mehr oder weniger ausführlich zu lesen. Leider könnte die Auflösung für mich auch nichts mehr herausholen.

Fazit

Niemalswelt hat alles, was ein gutes Buch braucht - leider wird das Potential nicht wirklich ausgeschöpft. Die Autorin bedient sich an klischeebehafteten Charakteren, mit denen ich mich als Leserin kaum verbunden gefühlt habe, da sie eine Lebenswelt repräsentieren, die meiner Meinung nach schon zu oft beschrieben wurde. Da hätte ich mir mehr Originalität und Mut gewünscht, besonders in Hinblick auf Charaktergestaltung und Atmosphäre. Die Frustration hat mich fast dazu bewegt, das Buch zum Ende hin abzubrechen. Allgemein fand ich es schwierig, das Buch nach einer längeren Pause wieder in die Hand zu nehmen und mich wieder in der Handlung zurechtzufinden.

Ich danke Carlsen für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.


Überblick

Titel: Niemalswelt
Autor: Marisha Pessl
Übersetzung: Claudia Feldmann
Verlag: Carlsen
Preis: 18,00€
384 Seiten, Hardcover

1 Kommentar:

  1. Ach wie schade, dass dir das Buch nicht sooo gut gefallen hat. Mich hat es zwar auch nicht vom Hocker gerissen, aber es war für mich ein richtiger Pageturner. Ich hatte es an einem Tag durch, konnte es einfach nicht aus der Hand legen. Gerade die Atmosphäre hat mir richtig gut gefallen.

    Es ist zwar nicht sonderlich viel passiert, aber dennoch musste ich immer wissen, wie es weiter geht. Zum Ende hin hätte es dann doch etwas spannender werden können und obwohl die Autorin dann doch noch diese Wendung mit eingebaut hat, war es für mich nicht unbedingt ein WOW-Effekt. Hier hat mir definitiv auch was gefehlt; eigentlich hat mir das ganze Buch über etwas gefehlt, dieses gewisse Etwas, trotzdem habe ich mich sehr gut unterhalten gefühlt und ich hatte richtig viel Spaß beim Lesen :-)

    Ganz liebe Grüße
    Ivy

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