Samstag, 28. September 2019

Sally Green - Kingdoms of Smoke // zwar "Fantasy-Mittelalter", aber dennoch unterhaltsam

Prinzessin Catherine bereitet sich in Brigant auf ihre Hochzeit mit einem Mann vor, den sie nie getroffen hat. Ambrose, dem Leibgardisten, der heimlich in die Prinzessin verliebt ist, droht unterdessen das Henkersschwert. In Calidor ist der Diener March auf Rache an dem Mann aus, der für den Untergang seines Volkes verantwortlich ist. Edyon wird in Pitoria von seiner unbekannten Vergangenheit eingeholt. Und auf dem Nördlichen Plateau macht die junge Dämonenjägerin Tash eine mysteriöse Entdeckung. Die Leben dieser fünf jungen Menschen werden untrennbar miteinander verknüpft. Ihren Ländern droht Schlimmeres als der nahende Krieg und in ihren Händen ruht das Schicksal ihrer Welt... (Quelle)

Dämonenrauch - strengstens untersagt...

Was ich an High Fantasy Romanen so schätze, ist, wie groß und vielfältig die Welten sind. Ich finde es toll, wenn die verschiedenen Orte und Kulturen beschrieben werden, umso mehr freute ich mich darüber, dass die Hauptcharaktere in Kingdoms of Smoke unterschiedliche Rollen in unterschiedlichen Teilen der Welt erfüllen. Das macht ihre Handlungsstränge umso spannender, und man fiebert mit bis zu dem Punkt, an dem sie alle zusammengeführt werden. Durch Catherine lernen wir die adelige Welt von Brigant und dann von Pitoria kennen, durch Tash erfahren wir mehr vom "Straßenleben", Ambrose lebt jenseits des Gesetzes, während March und Edyon auf einem "Roadtrip" sind. Erfreulich ist hier auch, dass jeder Charakter seine individuelle Erzählstimme hat - ich wusste immer genau, aus welcher Perspektive ich gerade lese. Auch waren die Kapitellängen für mich ideal, das förderte nicht nur den Lesefluss, sondern trug auch allgemein zur Dynamik bei, denn die Kapitel hörten immer an spannenden Stellen auf, sodass ich unbedingt weiter blättern wollte.

Für mich ist Catherine der spannendste Charakter. Sie macht die größte Charakterentwicklung durch - man spürt wirklich eine Veränderung im Vergleich zum Anfang, sodass sie mir ans Herz gewachsen ist. Auch die Konflikte, mit denen sie zu kämpfen hat - Loyalität gegenüber ihrer Familie und ihren Pflichten, oder gegenüber ihrer neuen Heimat - sind nachvollziehbar, genauso wie ihre Ratlosigkeit, als sie plötzlich ihre neugewonnene Freiheit entdeckt. Dahingehend ist Edyon vermutlich mein zweiter Favorit, weil er eigentlich jemand ist, den man nicht mögen sollte - er lügt und stiehlt und scheint allgemein sehr draufgängerisch zu sein - aber aufgrund seines "Schicksals" und seinem Humor erscheint er sehr sympathisch. Ich bin wirklich gespannt, wie es mit ihm weitergeht, da er nicht wirklich viel Handlungsraum hatte bzw. eher passiv auftrat. Auch Tash war für mich zwar interessant, aber wurde die meiste Zeit auf ihre Dämonenjagd und ihre Obsession mit Schuhen reduziert, was ich schade fand. Marchs Storyline habe ich leider gar nicht genießen können, was vor allem an der Dynamik zwischen ihm und Holywell - seinem Begleiter und "Zuflüsterer", könnte man sagen. Szenen mit ihm und Edyon habe ich lieber aus Edyons Sicht gelesen. Und Ambrose...

...war für mich leider die unnötigste und nervigste Figur. Seine einzige Funktion lag darin, Catherine zu lieben, und hierin besteht auch seine einzige Charaktereigenschaft - und eine noch schwache dazu, wenn man bemerkt, dass er und Catherine absolut keine Chemie haben. Die Love Story war unglaubwürdig und fad. Etwas, was man hundert Mal gelesen hat, und was hier noch dazu meiner Meinung nach sehr lieblos geschrieben wurde. Die Autorin hätte sich auf Ambrose' Loyalität gegenüber seiner Familie stützen sollen, das war das einzige, was mich an seinem Charakter berührt hat, und hätte ihn als Persönlichkeit runder gemacht.

Das "Fantasy-Mittelalter", die alte Leier

Auch wenn ich Spaß am Lesen hatte und ich auch an einigen Stellen ziemlich gefesselt war, möchte ich hier jedoch etwas ansprechen, was anscheinend immer noch "Trend" ist. Es hat vor allem zu Anfang, als Catherine in Brigant war (und das war sie ungefähr ein Drittel des Buches), extrem gestört. Brigant ist ungeheuer frauenfeindlich und brutal. Aber als Leser*in erfährt man niemals wieso. Es war unglaublich frustrierend für mich, weil es sich die ganze Zeit so angefühlt hat, als hätte die Autorin gedacht: "wir sind jetzt brutal und sexistisch, weil das schockiert und das Mittelalter nun einmal so war!"

Sally Green hat versucht, mit Zitaten am Anfang des Buches ein wenig mehr Hintergrundgeschichte zu liefern, aber die brigantische Kultur blieb blass und oberflächlich. Wieso werden Frauen so streng kontrolliert? Welche geschlechtlichen Konventionen gibt es? Dabei würde das historische Mittelalter viele Inspirationen bieten, die die Situation in Brigant greifbarer gemacht hätten. Stattdessen wird die Gesellschaft einfach so hingenommen (und ein stereotypisches Mittelalter entworfen), und das ist schade. Sally Green versucht hier eine feministische Geschichte zu erzählen, wie Catherine sich aus den patriarchalen Zwängen befreit, dieser Erzählung mangelt es jedoch an Tiefe. Hier hätte sie gut daran getan, einen ähnlichen Weg wie Laura Kneidl in Die Krone der Dunkelheit zu gehen, die ein feministisches Bild eines "Fantasy-Mittelalters" entwirft, in dem es aber dennoch geschlechtliche Konventionen gibt, die auch innerhalb der von ihr entworfenen Welt Sinn ergeben.

Oftmals wird Kingdoms of Smoke als Game of Thrones im Young-Adult Stil bezeichnet. Einerseits finde ich: zurecht, andererseits ist es schade, dass sämtliche Fantasy-Titel versuchen, diese Buchreihe (oder die Serie?) nachzuahmen. In dem Buch gibt es zahlreiche Szenen, die es an Brutalität mit Game of Thrones aufnehmen könnten. Für mich erschienen sie jedoch unnötig brutal und trugen inhaltlich nichts zur Geschichte bei. Ich hatte vielmehr den Eindruck, dass sie lediglich schockieren sollten, was mich leider - was die Qualität der Erzählung angeht - wenig überzeugte.

Was ich mir wünschen würde

Für mich hat die Geschichte dennoch Potential. Gerade die zweiten Hälfte war wesentlich besser als die erste. Zwischen Catherine und Prinz Tszayn, ihrem Verlobten, hat sich eine interessante Dynamik entwickelt, und der Konflikt zwischen Edyon und March spitzt sich durch ihr offensichtliches romantisches Interesse füreinander weiter zu. Beide Handlungsaspekte empfinde ich als Stärke in Kingdoms of Smoke und würde es gut finden, wenn die Autorin einen mutigen Schritt gehen und keine konventionellen Wege einschlagen würde.

Fazit

Ein Pageturner, das ist Kingdoms of Smoke auf jeden Fall. Jeder Charakter bekommt seinen eigenen Spannungsbogen, der zum Weiterlesen anregt und die Geschichte in verschiedene Richtungen lenkt, die am Ende zusammengeführt werden. Einige Charaktere sind besser ausgearbeitet als andere, und wer welchen Handlungsstrang besser findet ist wahrscheinlich Geschmackssache. Mich hat vor allem der blasse Weltenaufbau seitens Brigant gestört, der nicht mit Kreativität überzeugen kann, sondern sich auf das Bild des "finsteren, brutalen" Mittelalters stützt, von dem sich die Autorin offensichtlich inspirieren lässt. Hier hätte ich mir mehr Tiefgründigkeit und Mut gewünscht, aber da die Geschichte Potential besitzt, hoffe ich, dass dieses in der Fortsetzung ausgeschöpft wird.

Ich danke dtv für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.


Überblick

Titel: Kingdoms of Smoke - Die Verschwörung von Brigant
Originaltitel: The Smoke Thieves
Autor: Sally Green
Übersetzung: Barbara König
Verlag: dtv
Preis: 18,95€
553 Seiten, Hardcover

1 Kommentar:

  1. Hallo liebe Sanne,

    wie immer eine sehr gute Rezension. ^^

    Ich habe vor sehr langer Zeit mal den ersten Band der "Half Bad"-Trilogie der Autorin gelesen (der, wie ich mich erinnere, auch sehr brutal, also vielleicht doch keine Game of Thrones-Nachahmung?) und möchte diese Trilogie erst endlich beenden, ehe ich mcih an dieses Buch wage, auch wenn es sehr interessant klingt. :)

    Liebe Grüße ♥

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